Hasta la Vista

Das Recht auf Sex

Kinostart: 12.7.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn Philip (Robrecht Vandren Thoren) Frauen nachschauen will, geschieht das selten unauffällig. Er muss dazu seinen Rollstuhl drehen, die surrende Elektronik übernimmt, was der Körper nicht zu leisten vermag. Der unschuldige Blick auf weibliche Brüste – und der Film beginnt mit ein paar wirklich nervenzermürbend schönen Exemplaren – wird zum grausam-komischen Schauspiel. Philip ist längst nichts mehr peinlich, aber es schmerzt, dass es dabei bleiben wird. Wenn ihn die Mutter abends zudeckt, realisiert man konsterniert: Der Junge könnte nicht mal onanieren.

Der etwas andere Sextourismus

Der erste Pluspunkt von "Hasta la vista" ist, wie schnell der Film zur Sache kommt. Es geht um Sex und die Qual, vom Vergnügen der anderen ein Leben lang ausgeschlossen zu sein. Nach wenigen Minuten steht auch schon der Entschluss: Ein Gruppentrip nach Spanien soll die Erlösung bringen. Denn dort gibt es ein Bordell "für Leute wie uns", wie Jozef (Tom Audenaert) verkündet. Die Adresse hat er von einem Freund ohne Beine. Weil Jozef fast blind ist und der todkranke Lars (Gilles de Schryver) ebenfalls im Rollstuhl sitzt, braucht das Trio noch einen Kleinbus sowie einen Fahrer. Doch dann kann sie losgehen, die Reise ins Sex-Nirvana beziehungsweise zur "Weinprobe", wie man den Eltern glaubhaft versichert. Das ist ihr Hobby, die Jungs sind keine Kostverächter.

Behinderte und Sex – das klingt nach einer Menge flauer Witze. Einige davon sah man im ziemlich unerklärlichen Mainstreamerfolg "Ziemlich beste Freunde". Sie trafen zum einen den Mann im Rollstuhl, zum anderen den einfältigen Pfleger, der sie aussprach. Der belgische Regisseur Geoffrey Enthoven hat ebenfalls eine Komödie gedreht, aber er verlässt sich auf die Experten: Wenn hier einer über Körperbehinderte scherzt, sind sie es selbst.

Das geschieht oft ganz beiläufig, etwa wenn Jozef am Treffpunkt fragt, ob alle vollzählig sind. Ein herrlicher Dialog gleich darauf betrifft den Fahrer, der sich als Fahrerin herausstellt. Ob sie hübsch sei, will Jozef wissen. "Sei froh, dass du nichts siehst," antwortet Philip. Er hat eine reichlich zynische Ader, schiebt dann aber nach, das komme darauf an, was Jozef unter "hübsch" verstehe. Es macht die Sache nicht unbedingt besser.

Selbstbestimmung schwer gemacht

Die Fahrerin heißt Claude (Isabelle de Hertogh) und ist so unwahrscheinlich dick wie ihr Herz groß. Als Dienstleisterin ist sie auch für die Pflege der drei zuständig, was insbesondere Philip gar nicht behagt. Denn was heißt hier Dienst? Wo liegen die Grenzen dessen, was eine Fremde mit einem machen darf oder soll?

Solche Fragen stellt auch, auf nur scheinbar anderem Gebiet, die unbedingt sehenswerte BBC-Dokumentation "For one night only", auf der Enthovens Film beruht. Sie zeigt Asta Philpot, seit einem aufregenden Spanienurlaub eloquenter Aktivist für das Recht Behinderter auf Ausübung ihrer Sexualität. Philpot wurde wie Philip in "Hasta la Vista" mit Arthrogryposis geboren, einer Gelenksteife, die neben allen anderen auch sexuelle Gefühle vollständig zulässt. Die emotionale Bedeutung von Prostitution für Körperbehinderte wird in dem 2007 ausgestrahlten Film komplex behandelt, dennoch rief das Reizwort "Recht auf Sex" in Großbritannien eine erregte Debatte hervor. Dort ist Prostitution verboten, während in Belgien oder Deutschland nicht nur das horizontale Gewerbe, sondern auch die professionelle "Sexbegleitung" für Menschen mit Handicap immer liberaler geregelt wird. Wer darf als Nächster Anspruch auf sexuelle Dienste anmelden, fragten manche Briten: die Hässlichen, die Verlassenen oder einfach alle, die gerade keinen Partner haben? Von der Ausbeutung der Prostituierten, die auch noch als heilige Huren herhalten müssen, ganz zu schweigen.

Körper und Seele

"Hasta la Vista" geht dieser Problematik wohlweislich aus dem Weg und verlässt sich auf die suggestive Kraft seiner einfachen Bilder. Ja, es geht um Sex, doch es ist, so seltsam das klingen mag, ein erotischer Film. Das Wort Erotik ist nicht leicht zu fassen. Es gibt sie zwischen allen Menschen, Pflegern und Patienten, sich flüchtig Begegnenden jeden Geschlechts und sogar zwischen ziemlich besten Freunden wie Philip, Jozef und Lars. Sie regelt das erlaubte Maß von Berührungen und Blicken und setzt damit eine Grenze zur Sexualität. Im Film begreift man, wie wichtig der Respekt vor dieser Grenze ist und wie elementar das Verlangen nach ihrer Überschreitung. Man versteht auch Lars, der sich sein erstes – und vielleicht letztes – Mal durchaus anders vorstellt. Doch die Sehnsucht nach körperlicher und seelischer Intimität eint alle Menschen, und das ist der Grund dafür, dass dieser so ruhig und ohne falsches Mitleid erzählte Film einen nicht nur bestens unterhält, sondern im Innersten berührt.

Die ganz eigenen Probleme Behinderter im diskriminierenden Alltag bleiben dabei keineswegs ausgespart. "Fuck Ryan Air!" ist der Schlachtruf im Hinblick auf eine Billigfluglinie, die es mit Menschen, die nicht allgemeinen Standards entsprechen, nicht gut meint. Die schwierigste Rolle haben allerdings die Eltern. Nicht alle sind wie Herr und Frau Philpot, die ihren Sohn sogar ins Bordell begleiteten. Als die Sache doch ans Licht kommt, geraten Beschützerinstinkte und der Respekt vor legitimen individuellen Bedürfnissen in Konflikt – nie wollten sie ihre erwachsenen Söhne bevormunden, im entscheidenden Moment tun sie es doch. Nun, man muss sich bewegen, um seine Ketten zu spüren, und die drei etwas anderen Sextouristen haben genug Power, sie zu sprengen. Auf sie warten ein toller spanischer Sommer, ein barrierefrei ausgestatteter Puff und ein paar verdammt schöne Frauen.

Hasta la Vista, Belgien 2011, Regie: Geoffrey Enthoven, Buch: Pierre De Clercq, mit Gilles de Schryver, Tom Audenaert, Isabelle de Hertogh, Karlijn Sileghem u.a., ab 12, 115 min, Kinostart: 12. Juli 2012 bei Ascot Elite

Fotos: © 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



Mehr Infos zu "Hasta la Vista"

"Hasta la Vista" - die offizielle Filmwebseite (niederländisch)
Die deutsche Webseite zu "Hasta la Vista"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Hasta la Vista" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de





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