Periferic

Die Löwin

Kinostart: 12.7.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das rumänische Kino hat sich in den letzten Jahren um einen neuen Sozialrealismus im europäischen Autorenfilm verdient gemacht. Filme wie "Der Tod des Herrn Lazarescu" oder "Tuesday, after Christmas" zeigen ein Land am Rand von Europa, das einem langsamen gesellschaftlichen Wandel unterworfen ist. Das wiederkehrende Thema im rumänischen Kino ist das Individuum auf der Suche nach einem Platz in der neuen Gesellschaft – auch noch mehr als zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes. Bogdan George Apetris Film "Periferic" trägt diese Außenseiterposition – geografisch und gesellschaftlich – schon im Titel. Seine Hauptfigur steht am Rande der Gesellschaft. Matilda hat vierundzwanzig Stunden Freigang – Zeit, die sie gut nutzen muss. Sie hat nicht vor, ins Gefängnis zurückzukehren. Das Schiff, mit dem sie flüchten will, wartet bereits auf sie. Doch zuvor müssen noch einige Dinge erledigt werden.

Apetri hat seinen Film sehr klar strukturiert, jede Aufgabe bekommt bei ihm ein eigenes Kapitel. Es sind Menschen, mit denen Matilda auf die eine oder andere Weise noch eine Rechnung zu begleichen hat. Die erste Etappe führt sie zu ihrem Bruder Andrei und seiner Frau, als diese gerade zur Beerdigung der Mutter aufbrechen. Matilda schließt sich ihnen an, aber die Familie empfängt sie feindselig. Sie möchte ihren achtjährigen Sohn Toma bei dem Bruder und seiner Familie lassen. Andrei, der von der Existenz des Jungen bis dahin nichts wusste, reagiert abweisend. Die Reunion endet im Streit. Ihr nächster Zwischenstopp ist Paul, ein Zuhälter und Tomas Vater, für den Matilda, wie sich herausstellt, ins Gefängnis gegangen ist. Er schuldet ihr Geld. Auch dieses Mal verläuft nicht alles nach Plan. Ihr letztes Ziel ist schließlich Toma, den Paul in ein Waisenheim abgeschoben hat.

"Periferic" stellt keinen sozialen Zusammenhang für seine Heldin in Aussicht. Eine Gesellschaft oder auch nur ein Gemeinschaftssinn bleibt unsichtbar, Matilda rennt verbissen gegen alle Widrigkeiten an. Apetri wählt eine dramatisch zugespitzte Form für seine Geschichte, er nimmt sich nicht die Zeit für die genaue Beobachtung sozialer Konstellationen, sondern lässt sich von der Energie seiner Hauptdarstellerin inspirieren. Ana Ular gewann für ihre Darstellung der Matilda zu Recht diverse internationale Preise, sie trägt den Film. Die Gesellschaft, die diese Frau hervorgebracht hat, bleibt eine Leerstelle. Das könnte man vor dem Hintergrund eines derzeit starken, gesellschaftskritischen Kinos aus Rumänien als Schwachstelle von Apetris Film auslegen. Matilda kämpft wie eine Löwin, aber ihr Leben ist, ähnlich wie in den Filmen von Lukas Moodysson ("Lilja 4-Ever"), eine Leidensgeschichte. Der gesellschaftliche Hintergrund ist so düster und hoffnungslos ausgemalt, dass er beinahe zu einer Karikatur gerät.
Andreas Busche

Periferic, Rumänien, Österreich 2010, Buch & Regie: Bogdan George Apetri, mit Ana Ularu, Andi Vasulianu, Iona Flora, Mimi Branescu, Timotei Duma u.a., OmU, 87 min, Kinostart: 12. Juli 2012 bei Peripher

Foto: © Peripher



Mehr Infos zu "Periferic"

"Periferic" - die offizielle Filmwebseite (rumänisch, englisch)
Die deutschsprachige Website von "Periferic"
Filminfos vom deutschen Verleih
Filminfos in der Internet Movie Database
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