Das unbestechliche Filmwunder

Der rumänische Autorenfilm ist lebendig, radikal, innovativ

12.7.2012 | Oliver Kaever | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der Rumäne Bogdan George Apetri studierte an der New Yorker Columbia University Kamera und Regie. Sein in der Heimat entstandenes Debüt "Periferic" gehört durch und durch zur Neuen Rumänischen Filmwelle. Von Hollywood keine Spur: Steadycam oder Handkamera kleben an den Protagonisten und machen die Räume eng; die Einstellungen sind lang; es gibt kaum Musik, keine klassische Dramaturgie, keine forcierte Spannungssteigerung. Eine filmische und dramaturgische Sprache also, die gleichzeitig realistisch ist und stark stilisiert, die das Geschehen lückenhaft erklärt, Motive nur andeutet, Erzählstrategien langsam enthüllt. Der junge rumänische Autorenfilm braucht einen aktiven Zuschauer. Und ist auf europäischen Festivals immens erfolgreich: "Periferic" wurde bei der Viennale 2010 mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet.

Der internationale Erfolg des jungen rumänischen Films begann 2005, als Cristi Puiu für "Der Tod des Herrn Lazarescu" den Preis der Cannes-Nebenreihe Un Certain Regard erhielt. Im Jahr darauf holte Corneliu Porumboiu in Cannes mit "12:08 East of Bucharest" die Caméra d'Or; und 2007 schließlich räumte Cristian Mungiu mit seinem Abtreibungs-Drama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" an der Croisette mit der Goldenen Palme den Hauptpreis ab.

Ausgerechnet Rumänien. Ein Land, dessen Filmtradition nach dem Ende der Diktatur des Nicolae Ceauşescu 1989 völlig verschüttet war. In dem es 2007, dem Jahr seines EU-Beitritts, für 22 Millionen Menschen noch ganze 35 Kinos gab. Heute sind es kaum mehr als 80. Um seinen Film auch in der rumänischen Provinz zeigen zu können, ging Cristian Mungiu mit Filmprojektor und Campingwagen auf Kino-Tour.

Rumänien musste in kurzer Zeit den Umbruch von einer stalinistisch geprägten Diktatur samt bizarrem Führerkult und gefürchteter Geheimpolizei hin zu Kapitalismus und westlich geprägter Moderne verkraften. Knapp zehn Jahre nach dem Untergang des Ceauşescu-Regimes begannen junge Filmemacher, sich mit unbändigem Erzählwillen ein Bild von sich selbst und ihrem Land zu machen. Erbarmungslos direkt erzählen ihre Filme von den Fliehkräften innerhalb dieser durchgeschüttelten Gesellschaft, von der Gefahr ihres inneren Zerfalls, vom Zusammenprall althergebrachter Strukturen und Traditionen mit Demokratie und Kapitalismus, von den Dämonen der vergangenen Diktatur. Der Blick in den Kino-Spiegel, er ist selten so klar und schmerzhaft wie in Rumänien.

Unter den jungen Filmemachern steht dafür besonders Cristi Puiu (45): In "Der Tod des Herrn Lazarescu" wird eine alter, kranker Mann von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, immer wieder abgewiesen und stirbt schließlich, ohne Hilfe zu erfahren. In seinem dreistündigen Epos "Aurora" (2010) treibt Puiu die narrativen Methoden des rumänischen Kinos inhaltlich und formal auf die Spitze: Es geht um eine Mordserie und einen arbeitslosen Mann, aber ohne einen allwissenden Erzähler muss der Zuschauer die spärlich vermittelten Informationen selbst zusammensetzen – soweit das möglich ist.

Cristian Mungiu (44) beschreibt das Leben der Rumänen unter Ceauşescu mit "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage". Er erzählt mit erschreckender Nüchternheit von dem unmenschlichen Klima in der Diktatur am Beispiel einer Studentin, die ihr Kind abtreiben will – eine damals illegale Handlung, die bei Entdeckung drakonisch bestraft wurde. Dass das rumänische Kino sich den Geistern der Vergangenheit auch mit schwarzem Humor stellt, zeigt der von Mungiu und anderen Filmemachern inszenierte Episodenfilm "Tales from the Golden Age" (2009), der damals in der Bevölkerung verbreitete Gerüchte zu Geschichten verarbeitet: So erzählt eine Episode von den verzweifelten Versuchen eines Fotografen, Ceauşescu auf einem Foto beim Staatsbesuch von Giscard d'Estaing als den Größeren erscheinen zu lassen.

Mit den Mitteln des Dokumentarfilms dekonstruiert der in Deutschland lebende Andrei Ujica (61) in "Die Autobiografie des Nicolae Ceauşescu" (2010) den bizarren Personenkult des Regimes. Der Filmemacher sichtete über 10.000 Stunden Archivmaterial. Diese vom Parteiapparat in Auftrag gegebenen Aufnahmen zeigen Ceauşescu, rumänischer Staatspräsident von 1967 bis 1989, wie er gesehen werden wollte. Aber Ujica montiert die Bilder in seinem dreistündigen Film so, dass sie sich gegen ihren Protagonisten wenden. Sie zeigen keinen großen Staatsmann, sondern einen einfältigen Despoten und seine geliebten Massenspektakel, die nichts als unmenschliche Kälte ausstrahlen.

Der Filmemacher Radu Muntean (41) führt wieder zurück in die rumänische Gegenwart. In seinem Liebes-Drama "Tuesday After Christmas" (2010) spürt er ganz privaten Katastrophen nach. Paul ist verheiratet, Vater einer Tochter und hat eine jüngere Geliebte. Kurz vor Weihnachten gesteht er seiner Frau die Affäre, die das Leben aller Beteiligten nachhaltig verändern wird. Die äußerlich kühlen, aber im Kern spannungsgeladenen Plansequenzen zeigen eine Privatheit, die es unter Ceauşescu nicht gab, eine Privatheit der persönlichen Entfaltung, die sich die Rumänen erst erkämpfen mussten.

In "Periferic" hingegen sind die Familienstrukturen, die "Tuesday After Christmas" infrage stellt, längst nicht mehr existent. Matilda, eine junge Frau, die einen Tag Hafturlaub zur Flucht mit ihrem Sohn nutzen will, ist eine Ausgestoßene in einer Gesellschaft, die nach außen die Familie über alles stellt, in der aber letztlich jeder nur an sich selbst denkt. Selbst ihr kleiner Sohn entscheidet sich gegen die Mutter.

Ist so viel Zweifel und düstere Stimmung zu viel für das heimische Publikum? Zumindest machte sich trotz des künstlerischen Erfolgs zuletzt Ernüchterung unter den rumänischen Filmschaffenden breit. Denn die meisten der oben besprochenen Filme, fast alle europäische Ko-Produktionen, werden im Ausland gefeiert, erreichen in Rumänien selbst aber nur wenige Zuschauer. Ausnahmen wie das Jugend-Drama "If I Want To Whistle, I Whistle"(2010) bestätigen die Regel. Auch Versuche, selbst erfolgreiches Mainstreamkino zu etablieren, brachten bisher nicht den gewünschten Erfolg. Zudem kürzte der unter der Wirtschaftskrise leidende Staat 2010 die von den Filmemachern erkämpfte Filmförderung um 40 Prozent. Noch kann sich das rumänische Kino gegen die widrigen Umstände behaupten: 2012 gewann Cristian Mungiu schon wieder in Cannes – diesmal mit seinem Kloster-Drama "Beyond The Hills" den Preis für das beste Drehbuch.

Oliver Kaever ist Filmjournalist in Hamburg.

Fotos: © Verleih



Eine Werkschau des rumänischen Kinos präsentierte das Zeughaus Kino, angegliedert an das Deutsche Historische Museum in Berlin. Hier eine Übersicht des Programms.





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