2 Tage in New York

Familie und andere Peinlichkeiten

Kinostart: 5.7.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Schon in "2 Tage in Paris" hatte sie einen amerikanischen Freund, der Umzug nach New York lag also nahe. Der Freund hat gewechselt, er heißt jetzt Mingus (Chris Rock), ansonsten kämpft die erfolglose Künstlerin Marion (Julie Delpy) mit denselben Problemchen und Neurosen wie immer. Ursache der größten Turbulenzen ist ihre französische Familie, die diesmal zu Besuch kommt. Papa (Albert Delpy) verhält sich sogar noch sonderbarer, was am zwischenzeitlichen Tod der Mutter liegen könnte, aber sein gescheiterter Versuch, eine ganze Ladung Würste und Delikatessen durch den Zoll zu schmuggeln, verrät auch einen tief sitzenden Dünkel: Auf kulinarischem wie insgesamt kulturellem Gebiet fühlen sich die Franzosen den Amerikanern überlegen. Dabei sind sie selbst nicht nur latent rassistisch, sondern auch noch laut, ungewaschen und sexbesessen – schon nach kürzester Zeit beschwert sich das ganze Haus über den Franzosenlärm. Während Marion händeringend nach einer Balance sucht, darf Mingus als Ehemann höchstens ein wenig mit den Augen rollen, schließlich ist man tolerant.

Die Komik von "2 Tage New York" beruht erneut auf dem Gegensatz von zivilisierten Amerikanern und vulgären Franzosen. Bemerkenswert daran ist zunächst die Umkehrung alter Vorurteile – selbst die Welt der Klischees ist komplexer geworden – und wie wenig die Filmemacherin Julie Delpy ihre eigenen Landsleute schont: Sie kapieren zum Beispiel nicht, dass Mingus als Afroamerikaner eine durchaus differenzierte Meinung zu "seinem" Präsidenten Obama pflegt. Vor allem aber sind Figuren und Motive unter anderem durch die gewitzten Dialoge so intelligent miteinander verknüpft, dass der Culture-Clash nicht zur billigen Nummernrevue ausartet. Delpy, die auch hier wieder aus ihrer hochinteressanten Familiengeschichte schöpft, hat eine sehr eigenständige Formel gefunden, über abgründige Themen wie Liebe, Sex und Politik mit größter Leichtigkeit hinwegzudiskutieren. Ihr Stil ist heiter und niemals düster, aber auch niemals banal.

Weil dieser Stil so schonungslos Privates verhandelt, sollte man auch nicht von einem Sequel sprechen. Das Leben geht eben weiter. Hat nicht auch Woody Allen, mit dem Delpy gerne verglichen wird, wiederholt mit denselben Figuren und Schauspielern gearbeitet und ihnen nur immer wieder andere Namen gegeben? So betrachtet ist es völlig unwichtig, wie originell oder geistreich ihre Gags im Einzelnen ausfallen. In einer Zeit, die der Individualität des "Auteurs" weit weniger aufgeschlossen begegnet als damals bei Allen, steht Julie Delpys einsames Schaffen da wie ein Leuchtturm. Soll sie ruhig weitermachen. Dass sie ihre Seele dem Teufel verkauft, wie sie das im verrücktesten Teil des Films tatsächlich tut, ist kaum zu befürchten.
Philipp Bühler

(2 Days in New York) Frankreich, Deutschland 2010, Regie: Julie Delpy, Buch: Julie Delpy, Alexandre Nahon, Aleksia Landeau, mit Chris Rock, Julie Delpy, Albert Delpy, Alexia Landeau, Alex Nahon, Daniel Brühl u.a., ab 12, 91 min, Kinostart: 5. Juli 2012 bei Senator

Foto: © Senator



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