Cosmopolis

Der Vampir aus Manhattan

Kinostart: 5.7.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der überraschendste Spezialeffekt in David Cronenbergs "Cosmopolis" ist der Hauptdarsteller selbst: Robert Pattinson, der hübsche Vampir aus "Twilight". Cronenberg-Fans rauften sich schon im Vorfeld die Haare. Auch in "Cosmopolis" spielt Pattinson eine Art Vampir. Eric Packer, achtundzwanzig Jahre, Jungmilliardär, rollt in einem kugelsicheren Auto wie in einem Sarg durch Manhattan – zu einem Friseurtermin. Um ihn herum verfällt die Welt in Chaos, scheinbar in Zeitlupe, denn es gibt kein Vorankommen mehr zwischen den Trümmern der kollabierenden Märkte. Und während das Volk auf den Straßen der westlichen Zivilisation eine grandiose Abschiedsfeier schmeißt, wird Packers Stretch-Limo zur Theaterbühne.

Ab und zu geht die Tür auf und jemand Neues schiebt sich in das Wageninnere: seine Programmierer, seine Kunsthändlerin, die "Cheftheoretikerin", sogar sein Proktologe. Sie reden ohne Punkt und Komma. Doch es gibt kein Entrinnen aus dem Inneren des Fahrzeugs, in das kein Geräusch von außen dringt und das die herzlose Sprache der Mitfahrer einschließt, bis jeder sinnfällige Gedanke abgetötet ist. Pattinson macht seine Sache gut – so gut er kann. An seinem Hauptdarsteller ist Cronenberg nicht gescheitert. Sondern an der Romanvorlage von Don DeLillo.

DeLillos verschraubte Kunstsprache ist nicht filmkompatibel. Cronenbergs Bilder hängen wie eine überzählige Extremität an DeLillos Text, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als den allegorischen Raum zu verdichten. Die Limousine (komplett mit ausfahrbarem Pissoir) wird zum Techno-Uterus: eine gepanzerte Oberfläche aus Marmor, Glas und Metall, schall- und blickdicht und verkleidet mit blinkenden Flachbildschirmen. Cronenberg spitzt die Theatralik dieses Settings noch zu, indem er einen Großteil seines Films vor Rückprojektionen drehen ließ. Gefilmt durch ein Weitwinkelobjekt erfährt Eric Packers Welt eine groteske Krümmung.

Doch Cronenbergs Todessymbolik hat sich irgendwann abgenutzt, das Endzeitszenario verkommt zur Drohkulisse. So ist der einzig echte Cronenberg-Moment in "Cosmopolis" ausgerechnet Pattinson vorbehalten, als einsamer Höhepunkt eines zwanzigminütigen Monologs. Da greift Packer zu seiner Waffe und schießt sich in die Hand. Es ist das einzige Mal, dass sich so etwas wie ein Gefühl in Pattinsons Gesichtsausdruck abzeichnet.
Andreas Busche

Cosmopolis, Kanada, Frankreich 2012, Buch & Regie: David Cronenberg nach dem Roman von Don DeLillo, mit Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel, Kevin Durand, u.a., ab 12, 112 min, Kinostart: 5. Juli 2012 bei Falcom Media

Foto: © Caitlin Cronenberg



Mehr Infos zu "Cosmopolis"

"Cosmopolis" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Filminfos in der Internet Movie Database
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