Holidays by the Sea
Manche Paare reden im Urlaub, andere nicht. Es gibt da kein Naturgesetz. Gründe zu schweigen hingegen gibt es wie Sand am Meer: Das Rentnerpaar hat sich schon alles gesagt; das SM-Pärchen kommuniziert über Peitsche und Handschellen. Das eine Paar hat ständig Sex, während das andere sich schüchtern anschweigt – was jeweils daran liegt, dass man zwar verheiratet ist, aber nicht miteinander, und gerade über Kreuz flirtet. Auf einer Trauerfeier wird sowieso geschwiegen, aus Pietät. Und wer sein Zelt jedes Jahr an dieselbe markierte Stelle setzt, definiert Spaß im Urlaub eben anders. Es ist Nachsaison an der nordfranzösischen Atlantikküste. Die Hotels und Campingplätze sind fast leer und die Sonne scheint schon etwas matt. Da ist beschauliche Ruhe ohnehin angesagt.
Von den vielen Gründen braucht "Holidays by the Sea" nahezu alle, um sein gewitztes Experiment zumindest ansatzweise plausibel zu machen: Im ganzen Film wird kaum ein Wort geredet. Stattdessen setzt Regisseur Pascal Rabaté auf ulkige Geräusche und visuellen Slapstick im Stil von Jaqques Tatis "Die Ferien des Monsieur Hulot" (1953): Der SM-Mann mit Rose im Hintern wird ans Bett gefesselt und dort allein gelassen; die Rentnerin legt beim Scrabble nur schmutzige Worte und will eigentlich etwas ganz anderes spielen; der Bestatter hat Schluckauf, was sich mit der Pietät schlecht verträgt. Manche dieser Bildeinfälle sind originell, aber auch ziemlich sinnfrei wie etwa ein umgekippter Wohnwagen, in dem die urlaubstypische Handlung ganz normal abläuft, nur eben um 90 Grad gedreht.
Diese sehr französische Mischung aus skurrilen Nebensächlichkeiten, ein wenig Lebenstragik und einem Schuss Frivolität klappt oft vorzüglich. Im Ganzen allerdings überzeugt Rabatés "stille Komik" nur halb. Denn es stimmt zwar, dass manche Menschen wenig reden. Wenn aber alle Menschen niemals reden, ist das weniger komisch als merkwürdig. Komischerweise wirkt dieser einfache Film im Vergleich zu Michel Hazanavicius' wesentlich komplexerem Stummfilmimitat "The Artist" weniger leichtfüßig und fast schon akademisch verkopft. Als nettes Spätsommerfilmchen mit cineastischem Mehrwert geht er dennoch durch, da braucht man nicht viele Worte zu verlieren.
Philipp Bühler
(Ni à vendre ni à louer) Frankreich 2011, Regie: Pascal Rabaté, Buch: Pascal Rabaté, Scop, mit Jacques Gamblin, Maria de Medeiros, François Damiens, François Morel, Dominique Pinon u.a., OmU, ab 12, 77 min, Kinostart: 5. Juli 2012 bei Movienet
Foto: © Movienet
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