Little Thirteen

Die große Leere

Kinostart: 5.7.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was sie später mal machen wolle in ihrem Leben, fragt der Junge das Mädchen. "Hartzen", gibt es zur Antwort und spezifiziert: "Chillen und Kohle kriegen". Wie das aussieht wird der 13-jährigen Sarah und der 16-jährigen Charly von den jeweiligen Müttern vorgelebt. Charlys Mutter lässt die Wohnung und ihre drei Kinder verwahrlosen, um den ganzen Tag Puzzle zu spielen. Sarahs Mutter lebt ihren Sexualtrieb hemmungslos vor den Augen der Tochter aus. Viel zu früh zur Mutter gewordene Frauen ziehen Mädchen groß, die viel zu früh zu Frauen werden, die dann wiederum viel zu früh Mütter werden. Väter sind nicht anwesend. Erziehung findet nicht statt. Von Sexualmoral kann keine Rede sein.

Das gesellschaftliche Milieu, in dem "Little Thirteen" von Christian Klandt angesiedelt ist, ist mit Hilfe der Klischeebegriffe "Prekariat" und "bildungsferne Schichten" hinreichend beschrieben. Allerdings geht es Klandt in seinem Abschlussfilm an der HFF Konrad Wolf nicht um die Denunziation einer sozialen Klasse. Vielmehr spürt er darin den Schlagworten "sexuelle Verwahrlosung", "Werteverfall" und "Generation Porno" nach. Die Pornografisierung des Alltags in Wort und Bild, die leichte Verfügbarkeit expliziter Darstellungen im Internet, die drastische Sexualisierung des noch jugendlichen Körpers durch die Mode – all dies wirkt sich prägend auf die gegenwärtige Jugend- und Popkultur aus. Klandt vermutet darin "eine Konsequenz eines Mangels an Liebe, Vertrauen und Perspektiven".

Er zeigt anhand der Geschichte zweier Freundinnen, die viel zu früh viel zu viel Sex haben, was es bedeutet, wenn die Intimität des Geschlechtsaktes als Vermittler von Nähe und Zärtlichkeit herhalten muss. Wenn dieses falsche Konstrukt unter dem Erwartungsdruck der Akteure implodiert. Und die Mädchen wie die Jungen schließlich wie aus einem Rausch in eine große Leere und tiefe Enttäuschung hinein erwachen. Sex an sich macht eben nicht glücklich. Man mag das ein wenig bieder finden. Klandt und seiner Drehbuchautorin Catrin Lüth gelingt es aber mit "Little Thirteen" zu zeigen, wie sich die so genannte "sexuelle Befreiung" auf das Verhältnis der Geschlechter auswirkt. Wie der zum Konsumgut gewordene Sex den Körper des Gegenübers zur Ware und ein tatsächliches Erkennen des anderen Menschen unmöglich macht. "Little Thirteen" ist ein sehr trauriger und auch unangenehmer Film, doch er ist wichtig.
Alexandra Seitz

Little Thirteen, Deutschland 2011, Regie: Christian Klandt, Buch: Catrin Lüth, mit Muriel Wimmer, Antonia Putiloff, Isabell Gerschke, Joseph Bundschuh, Philipp Kubitza u.a., ab 12, 90 min, Kinostart: 5. Juli 2012 bei X Verleih

Foto: © X Verleih



Mehr Infos zu "Little Thirteen"

"Little Thirteen" - die offizielle Filmwebseite
"Little Thirteen" auf filmportal.de
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