Sons of Norway

Anarchie in Oslo

Kinostart: 5.7.2012 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Normal ist die Familie des 14-jährigen Nikolaj nicht. Das wollen seine Eltern Lone und Magnus auch gar nicht sein. Zwar wohnen sie in einer Osloer Vorortsiedlung, die der Vater als Architekt mit entworfen hat. Aber ihren Hippie-Idealen haben sie auch im Jahr 1978 noch nicht abgeschworen. Sie machen alles etwas anders, auch das Weihnachtsfest. Während Nikolajs Klassenkameraden also zwanghaft besinnlich zu Hause um den glitzernden Christbaum herumsitzen, feiert Nikolaj (Åsmund Høeg) samt Familie und Freunden "Bananen-Weihnachten" an einem großen, mit Bananen dekorierten Tisch. Vater Magnus (Sven Nordin) improvisiert eine albern-philosophische Rede, alle lachen, benehmen sich wie wild und haben, nun ja, einen Heidenspaß. Das Beste ist allerdings Nikolajs Geschenk, eine E-Gitarre.

Punk ist die Rettung

Das Leben könnte für Nikolaj wirklich schön sein. Aber es gibt die Schule und dort die paar Typen, die es auf ihn abgesehen haben, gegen die er sich nicht wehren kann, weil er für sein Alter zu klein und sowieso total uncool ist. Immerhin ist Tor (Tony Veitsle Skarpsno) da, sein bester Kumpel, der ihn eines Tages mit zu Anton (Trond Nilssen) nimmt, einem echten Punk! Sie trinken Bier in seiner Bude und hören zum ersten Mal Sex Pistols. Das ist roh, wütend und herrlich unperfekt! Von nun an sind Sid Vicious und Johnny Rotten ihre neuen Idole. Nikolajs lange Mädchenhaare sind schnell ab, er bohrt sich eine Sicherheitsnadel ins Ohrläppchen und gründet mit den Kumpels die Punk-Band Dirt. Das erste Mal seit langem fühlt er sich wirklich gut und allem gewachsen. Sogar die Schlägertypen sind beeindruckt.

Doch dann stirbt Nikolajs Mutter bei einem Autounfall und er muss fortan für sich, den kleinen Bruder und den depressiven Vater sorgen, der sich hilflos ins Bett verkrochen hat. Der Bruder wird zwar bald bei Verwandten untergebracht, doch niemand interessiert sich ehrlich dafür, wie es ihm, Nikolaj, geht. Er ist nun der Erwachsene, muss funktionieren. Keine Zeit für Trauer. Gut, dass es die Freunde gibt. Und den Punk.

Leben mit einem Hippie

Punk und Rebellion gehören untrennbar zusammen. Genauso wie Rebellion und Pubertät. Eine ideale Kombination für eine Geschichte übers Erwachsenwerden, dachte sich auch Regisseur Jens Lien ("Anderland"), der mit "Sons of Norway" den autobiografischen Roman "Theorie und Praxis" von Nikolaj Frobenius fürs Kino bearbeitet hat. Lien schafft hier mühelos die Balance zwischen Tragik und Komik, die eine gute Coming-of-Age-Geschichte ausmacht. Mit viel Liebe zum Detail entführt er uns in die Welt der späten 1970er-Jahre, als Sicherheitsnadeln, knallbunte Iros und zerlöcherte Hosen die bürgerliche Welt provozierten und Punk nicht nur die Musikwelt auf den Kopf stellte. Man glaubt in "Sons of Norway" förmlich, die Räume und Interieurs zu riechen. Auch die passende Musik ist allgegenwärtig, vom Electric Light Orchestra bis zu den legendären Sex Pistols.

Der Tod der Mutter bringt die entscheidende Ernsthaftigkeit in die klamaukig beginnende Geschichte. Nicht nur Nikolaj muss schnell reifen. Auch sein Vater Magnus, der sich bisher einer lebenslangen Rebellion und damit ewigem Teenagertum verschrieben hatte, zwingen die Ereignisse zum – wenn auch späten – Erwachsenwerden. Zunächst aber schlittert er direkt von seiner Depression in eine Art zweite Pubertät und registriert nur am Rande die fortschreitende Verwandlung seines Sohnes. Beide driften orientierungslos nebeneinander her, anstatt sich gegenseitig Halt zu geben. Denn eigentlich bräuchte Nikolaj genau das, trotz oder gerade wegen der mittlerweile bunten Haare und der Sicherheitsnadel in der Wange. So richtig befriedigen kann ihn inzwischen nur das Gitarrespiel in der Band, mit dem der ansonsten eher zurückhaltende Junge seine Wut und Verzweiflung ausdrückt.

Weisheiten eines (Ex-)Punks

Vater Magnus, wunderbar kraftvoll gespielt vom kaum wieder zu erkennenden "Elling"-Sidekick Sven Nordin, stürzt sich derweil in waghalsige Projekte. Er will keine Reihenhäuser mehr entwerfen, sondern lichtdurchflutete Glasbauten, und scheitert damit. Ohne Job hat er nun noch mehr Zeit, sich um seinen Sohn zu kümmern, was der anfangs auch genießt. Er verteidigt sogar Nikolajs immer häufigere Störaktionen vor dessen Schuldirektor und hört begeistert seine Punkplatten mit. Überall ist er mit dabei, sogar bei den Bandproben. Nicht unbedingt das, was man von einem Vater erwarten würde, antiautoritäre Erziehung hin oder her. Die Krönung ist allerdings der erste gemeinsame "Männer-Urlaub", ausgerechnet in einem schwedischen Nudistencamp, wo Magnus sich zum Entsetzen seines Sohnes offenbar prächtig mit den anwesenden Damen amüsiert. Nikolaj frisst seine Wut und Trauer weiter in sich hinein, bis er eines Abends regelrecht Amok läuft. Erst die Katastrophe lässt den Vater begreifen, dass er Verantwortung für seinen Sohn hat.

Lien erzählt diese besondere Vater-Sohn-Geschichte wunderbar stimmig und spielt lustvoll nicht nur den Konflikt zweier Generationen aus, sondern auch mit der Gegensätzlichkeit von Hippietum und Punk, und das in einer Familie. Dabei bleibt er konsequent auf der Seite seines jugendlichen Helden, der so lange einfach nicht Teenager sein darf, wie der Vater selber noch nicht erwachsen ist. Allein das Zusammenspiel der beiden Hauptcharaktere, die dieses schwierige Vater-Sohn-Verhältnis mit Leben füllen, lohnt den Weg ins Kino. Trotz aller Tragik hat der Film einen heiteren Unterton, der sich auf den Zuschauer überträgt. Und ein wenig (Punk)-Weisheit gibt's noch obendrauf. Im Komatraum erscheint Nikolaj sein großes Idol Johnny Rotten – der ehemalige Frontmann der Sex Pistols John Lydon – in einem Gastauftritt. Der stellt fest, dass das Leben zwar Scheiße und lächerlich ist, aber auch irgendwie liebenswert. Und wenn alles Scheiße ist, ist auch alles möglich. Eben!

(Sønner av Norge) Norwegen, Schweden, Dänemark, Frankreich 2011, Regie: Jens Lien, Buch: Nikolaj Frobenius, mit Sven Nordin, Åsmund Høeg, Sonja Richter, Tony Veitsle Skarpsno, Camilla Friisk, John Lydon u.a., ab 12, 88 min, Kinostart: 5. Juli 2012 bei Alamode

Fotos: © Alamode

Ingrid Beerbaum ist Filmjournalistin in Berlin.



Mehr Infos zu "Sons of Norway"

Die deutsche Webseite zu "Sons of Norway"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Sons of Norway" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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