Töte mich

Auf der Flucht vor dem Nichts

Kinostart: 5.7.2012 | Tim Slagman | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Adele (Maria Dragus) möchte sterben. Sie steht schon am Abgrund, den Blick hinab aber verweigert Regisseurin Emily Atef. Sie lässt Adele lange dort stehen, an den Rand des Breitwandbildes gedrängt, vor ihr der blaue Himmel, die weißen Wolken. Die Erlösung womöglich – oder das Nichts.

Adele wird nicht springen. Sie wird zurückkehren zu den Kühen, und eine von diesen wird ihr verlorengehen. Als dann beim Abendessen, beim großen familiären Schweigen auf dem Hof, irgendwo im Südwesten der Republik, die Sprache doch auf die Tiere kommt, da schreckt Adele entsetzt hoch und gesteht den Verlust. Die große Ruhe, mit der Atef ihre Erzählung inszeniert und montiert hat, wirkt in Szenen wie dieser am trefflichsten: Die große, einleuchtende Erklärung für Adeles Todeswunsch bleibt aus, sie wird höchstens angedeutet in der Kälte des Umgangs miteinander, der wohl von Gewalt, zumindest von unterschwelliger, geprägt ist. "Dann geh' sie suchen", sagt der Vater schließlich nur.

Plötzlich steht ein massiger, grobschlächtiger Kerl im Zimmer, im Obergeschoss, es ist Timo, ein verurteilter Mörder auf der Flucht aus dem Knast. So einer, da ist Adele sicher, kann ihren innigsten Wunsch erfüllen. Also bietet sie ihm an, ihn in die nächste Stadt zu bringen. Von da aus kann er weiter, nach Marseille, nach Afrika. Doch dafür muss er sie auch umbringen.

Eines der zuverlässigsten Paradoxa im Kino ist dieses: Je unterschiedlicher zwei am Anfang sind, desto sicherer raufen sie sich zusammen. Diese Konstellation hat "Töte mich" gemein mit den banalsten romantischen Komödien aus Hollywood, mit dem Mainstream, von dem Emily Atef sich sonst in jeder Einstellung absetzen will. So deutlich, dass manche breit ausgewalzte Szene, in der Mann und Mädchen im Wald oder in einer Buschlandschaft hintereinander her tapsen, irgendwann reichlich redundant wirkt.

Mit dem kalten, abweisenden Stoizismus, hinter dem die Hölle toben mag, hat Maria Dragus schon in "Das weiße Band" souverän die Außenwelt an sich abprallen lassen. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, desto wichtiger werden die Vergangenheit und die unterdrückten Bedürfnisse, die Timo mit sich herumschleppt. So wenig, wie Roland Wiesnekker diesem schnaufenden, verletzten Grobian aber das nötige Charisma verleihen kann, um Interesse an seiner Figur zu wecken – so sehr verzetteln sich Adele und Timo letztlich in dieser unnötigen Nebenhandlung.
Tim Slagman

Töte mich, Deutschland, Frankreich, Schweiz 2011, Regie: Emily Atef, Buch: Emily Ate, Esther Bernstorff, mit Maria Dragus, Roeland Wiesnekker, Wolfram Koch, Christine Citti, Anne Bennent u.a., 91 min, Kinostart: 5. Juli 2012 bei Farbfilm Verleih

Foto: © Farbfilm Verleih



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