Cinema Jenin

Ein filmisches Tagebuch

Kinostart: 28.6.2012 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es begann alles damit, dass Ismael Khatib im Nahostkonflikt einen außergewöhnlichen Schritt der Versöhnung tat: Der Palästinenser spendete die Organe seines von israelischen Soldaten erschossenen Sohnes an Kinder in Israel. Der zwölfjährige Ahmed hatte im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin, das lange Zeit als Terroristen-Hochburg galt, mit einem Holzgewehr auf der Straße gespielt. Das führte zu einem fatalen Missverständnis. Zwei Jahre nach dem schwerwiegenden Ereignis besuchte Khatib die kleinen Patienten, die dank Ahmeds Organen weiterleben, in Israel. Der deutsche Regisseur Marcus Vetter begleitete ihn mit der Kamera – dabei entstand "Das Herz von Jenin", ein vielfach ausgezeichneter Dokumentarfilm über Khatibs persönliches Schicksal, der gleichzeitig den Blick auf den Nahostkonflikt von Seiten der Palästinenser freigab.

Kultur für Kinder und Jugendliche

Der Film "Cinema Jenin" entstand im fließenden Übergang: Bereits während der Dreharbeiten von "Das Herz von Jenin" beschlossen Khatib und Vetter, das alte Kino von Jenin als Kulturzentrum wieder zum Leben zu erwecken. Ziel sollte unter anderem sein, die palästinensischen Kinder, die in der Kriegs- und Krisenregion ohne jegliche Infrastruktur aufwachsen, von der Straße zu holen und ihnen eine Perspektive zu bieten. In den 1950er-Jahren erbaut, war das Kino in Jenin lange Zeit eines der schönsten und am besten besuchten Lichtspielhäuser in Palästina. Mit Beginn der ersten Intifada 1987 wurde es geschlossen – und verfiel seitdem.

Khatib, Regisseur Vetter und der Übersetzer Fakhri Hamid machten sich daran, Gelder zu akquirieren, mit den Eigentümern des Kinos über einen Mietvertrag zu verhandeln und die Zustimmung aller politischen und religiösen Kräfte der Westbank für ihr Projekt zu bekommen. Alles andere als ein einfaches Unterfangen: Die nach wie vor angespannte Lage in Nahost und die vielen unterschiedlichen Meinungen zum Umgang mit der Besatzungsmacht Israel machten diesen Prozess zu einer Tour de Force. Aufgrund aktueller Geschehnisse wie etwa dem Gaza-Krieg Ende 2008/Anfang 2009 brachen bei den palästinensischen Akteuren immer wieder der gute Wille und die Hoffnung auf eine Verständigung in sich zusammen. Das Projekt Cinema Jenin drohte zu scheitern.

Von Anfang an steht in Vetters Film die Frage im Raum, ob das Ziel, das das deutsch-palästinensische Initiatoren-Team mit dem Aufbau einer erklärtermaßen unpolitischen Kulturinstitution in Jenin verfolgt, der Situation im Nahen Osten gerecht werde. Oder ob ein Krankenhaus beispielsweise nicht mehr von Nöten wäre. Nach vielem Hin und Her können letztendlich alle vom Nutzen des Kinos überzeugt werden – dem Wiederaufbau steht nichts mehr im Weg. Ab diesem Zeitpunkt wird die Finanzierung immer wieder zum ernsten, letztendlich aber nicht unlösbaren Problem.

Ein Film wird zum Politikum

Marcus Vetter hat mit dem Projekt "Cinema Jenin" ohne Frage Großes geleistet. Er hat die Welt wiederholt auf die Situation in Jenin aufmerksam gemacht, hat zahllose freiwillige Unterstützer, viel Geld für das Projekt an Land gezogen und den Betrieb angestoßen. Als Regisseur des Films hat er aber nicht den glücklichsten Weg gewählt, um die Geschichte zu erzählen: In einer Art filmischem Tagebuch ist er als Initiator des Projekts auch der Hauptprotagonist. Er ist in fast jeder Einstellung zu sehen und spricht zudem den Kommentar. Seine Multifunktionalität bringt einerseits eine besondere Nähe zu dem Projekt mit sich – andererseits fehlt auch jegliche kritische Distanz in dem sehr gefälligen, handwerklich nahezu perfekten, aber eher auf westliche Bedürfnisse zugeschnittenen Film.

Eine Erzählhaltung, die sich vor Ort gerächt hat. Bei der Premiere des Films Anfang April 2012 im Cinema Jenin fiel der Film durch. Politische Aktivisten erklärten Vetter, der nicht anwesend war, zur "Persona non grata". Das erzählte Ismail Jabarine, aktuell künstlerischer Leiter des Cinema Jenin, im Gespräch mit fluter.de. Einige langjährige Mitarbeiter und Unterstützer fühlten sich durch den Film diskreditiert, durch eine tendenziöse Auswahl von Filmszenen in einem schlechten Licht dargestellt: hier der fleißige, mutige und selbstlose deutsche Macher – dort die faulen, geldgierigen und unbelehrbaren Araber.

Auch mit dem Kino einen Prozess der Normalisierung mit den verfeindeten Israelis herbeiführen zu wollen, kommt bei vielen Palästinensern nicht gut an. Für sie kann es keinen Frieden ohne Freiheit geben. Ironischerweise thematisiert Vetters Film diese Haltung immer wieder. Die Leute in Jenin haben sich derweil von jeglicher Bevormundung losgesagt: Die Programmplanung des Kinos liegt nun allein in ihrer Hand. Laut Jabarine führte diese Entscheidung der gegenwärtigen Kinobetreiber nicht zum Bruch mit Initiator Vetter. Dieser habe es akzeptiert und man sei in gutem Kontakt. Das Kino in Jenin ist auch nach der Wiedereröffnung im August 2010 ein sehr komplexes und bewegtes Projekt und somit auch symbolhaft für die palästinensische Bevölkerung.

Cinema Jenin, Dokumentarfilm, Deutschland, Israel 2012, Buch & Regie: Marcus Vetter, ab 6, OmU, 96 min, Kinostart: 28. Juni 2012 bei Senator

Fotos: © Senator

Stefanie Zobl ist Journalistin und lebt in Berlin.



Mehr Infos zu "Cinema Jenin"

"Cinema Jenin" - die offizielle Webseite (englisch)
"Cinema Jenin" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Cinema Jenin" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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