Der Seidenfächer

Ein Bund fürs Leben

Kinostart: 28.6.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Schönheit muss leiden. Im China des 19. Jahrhunderts war diese alte Gouvernantenweisheit noch immer grausame Realität: Um ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen, werden dem Mädchen Lily, aus einer niederen Klasse stammend, nach alter Sitte die Füße verschnürt. Ihre Lotusfüße sind der symbolische Blutzoll zur Überwindung der Standesschranken, eine Investition in die Zukunft. Teil der sozialen Abmachung ist die von einer Heiratsvermittlerin arrangierte Freundschaft mit der höheren Tochter Snow Flower – bis zur Heirat sind sie durch einen Schwesternbund, den sogenannten "Laotong", miteinander verbunden. Doch das Zweckbündnis wird zur innigen Freundschaft, wenn nicht sogar mehr. Über – auf einen weißen Seidenfächer gepinselte – Geheimbotschaften bleiben sie noch in Verbindung, als ihre neuen Pflichten als Hausfrau und Mutter den weiteren Kontakt verbieten.

Diese im Prinzip ergreifende Geschichte um ein überkommenes Schönheitsideal und soziale Differenzen war Regisseur Wayne Wang nicht genug. Er erweitert den Roman der chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin Lisa See um eine moderne Erzählung. Im Shanghai von heute kämpfen Nina (BingBing Li) und Sophia (Gianna Jun), die Nachfahren der beiden, mit ähnlichen Problemen. Zumindest suggeriert dies der Film durch die Doppelbesetzung der Hauptdarstellerinnen sowie eine endlos komplizierte Rückblendenstruktur, in der Aufstieg und Fall der jeweiligen Familien, wechselseitige Entfremdungen und gesellschaftliche Zwänge immer wieder Parallelen aufzeigen. Auf beiden Zeitebenen stiftet der "Laotong" ein Band, das nichts zu zerreißen vermag – auch wenn es oft ganz anders aussieht.

Wayne Wang ist bei uns durch seine Episodenfilme "Smoke" (1995) und "Blue in the Face" (1995) bekannt geworden. Mit dem Spielfilmformat hat er noch immer Probleme: Die ineinander verlaufenen Erzählstränge finden zu keinem Zusammenhang, die Dringlichkeit seines Vergleichs erschließt sich nur mit einiger Mühe. Unter völlig veränderten sozialen Bedingungen bleibt es bei einer vage feministischen Aussage und viel Verwirrung. Und dann steht auch noch, wie aus dem Nichts, der Hollywood-Schauspieler Hugh Jackman im Bild. Nein, die beiden Erzählungen sind gewiss keine "Schwurschwestern", sie wirken eher aus nackter Not zusammengeschnürt. Zumindest entsprechen die opulent-folkloristischen Epochenbilder aus alter Zeit dem heutigen Schönheitsideal.
Philipp Bühler

(Snow Flower and the Secret Fan) China, USA 2011, Regie: Wayne Wang, Buch: Angela Workman, Ronald Bass, Michael Ray nach dem gleichnamigen Roman von Lisa See, mit BingBing Li, Gianna Jun, Yan Dai, Congmeng Guo, Vivian Wu, Coco Chiang u.a., ab 6, 104 min, Kinostart: 28. Juni 2012 bei Senator

Foto: © Senator



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