Isabelle Huppert

Die Schauspielerin der Extreme

28.6.2012 | Andreas Busche | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Isabelle Huppert sagte einmal in einem Interview, sie spiele ihre Figuren nicht. Sie begibt sich auf die Suche nach ihnen. Und manchmal scheinen die Figuren auch sie zu finden – wie im Falle von Marc Fitoussis "Copacabana", der diese Woche bei uns anläuft. Babou ist eine typische Huppert-Figur, diesmal allerdings schlägt sie völlig neue Töne an. An das Widerständige, ihren Sturkopf hat man sich bei Huppert über die Jahre gewöhnt. Sie hat in ihrer Karriere eine Menge unkonventioneller Frauen gespielt, und wenn ihre Rolle mal auf einer historischen Persönlichkeit beruhte wie der jüngsten Brontë-Schwester Anne, der Physikerin Marie Curie oder der Fotografin Irina Ionesco in "I'm not a f***king Princess", drückt sie der Figur eben ihren unverwechselbaren Isabelle-Huppert-Stempel auf. Dafür, dass sie sich jede Figur mit wenigen Gesten zu eigen machen kann, lieben ihre Regisseure/innen sie: Claude Chabrol, mit dem sie über ein Dutzend Filme gedreht hat, Michael Haneke, zu dem sie ein fast sado-masochistisches Verhältnis pflegt, Benoît Jacquot, Hal Hartley, Werner Schroeter, Patrice Chéreau, Jean-Luc Godard, Claire Denis etc. Die Liste ihrer Verehrer ist endlos.

Die Huppert ist keine exaltierte Schauspielerin

Die Psychologie der mimischen Darstellung sei ein überkommenes Relikt des klassischen Theaters, moniert sie. Hupperts Gefühlswallungen äußern sich allenfalls in einer erhöhten Oberflächenspannung: Dann verengen sich ihre Lippen zu einem Strich und der Gesichtsausdruck versteinert. So kennt man sie aus ihren bekanntesten Rollen: der alternden Jungfer Erika Kohut in Michael Hanekes Psychodrama "Die Klavierspielerin" (2001), der verlorenen Schriftstellerinnenseele in Werner Schroeters drastischem "Malina" (1990) oder der klassenkämpferischen Postbeamtin in Chabrols "Biester" (1995). Hupperts Figuren quittieren die gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre eigenen Unzulänglichkeiten mit eisigen Blicken. Ihr entleertes Spiel, das sie selbst einmal mit einer matten Leinwand verglich, ist zu so etwas wie Hupperts Markenzeichen geworden.

Auch darum ist Babou eine so angemehme Überraschung in diesem großen Repertoire sozialer Querschlägerinnen. Die Widerstände, die bei Hupperts Figuren normalerweise unter der Oberfläche arbeiten, treten in "Copacabana" offen zutage: Babou ist laut, bunt und schert sich einen Dreck darum, was die anderen von ihr denken. Das macht sie zu einem positiven Gegenstück zu all den maliziösen, innerlich zerfressenen und verbitterten Frauenfiguren, die man oft genug mit Huppert verbindet. Auch Babou ist halsstarrig, aber ihr Protest gegen die gesellschaftliche Etikette besteht darin, eine Gruppe brasilianischer Tänzer auf eine spießige Hochzeit in Weiß einzuladen.

Isabelle Huppert hat nie den einfachen Weg gewählt. In jungen Jahren hätte man sie für eine französische Sissy Spacek halten können. Da war sie noch eine ätherische Erscheinung: blass, sommersprossig, verletzlich. In "Die Spitzenklöpplerin" von 1977 spielte sie ein scheues Mädchen, das an der Größe ihrer Gefühle langsam zu Grunde geht. Doch wenn sie am Ende frontal in die Kamera blickt, mit einem leeren Ausdruck zwischen Trotz und Schmerz, dann ist in ihren Augen schon etwas von der älteren Isabelle Huppert zu erkennen. Diesen unergründlichen Blick, in dem immer ein wenig Arroganz mitzuschwingen scheint, beherrschte sie schon damals.

Sommersprossenglamour

Nachforschen, hinschauen muss man bei Isabelle Huppert ganz genau, obwohl sie eigentlich nicht zu übersehen ist. Sie ist nicht wie ihre französischen Kolleginnen Catherine Deneuve oder Fanny Ardant mit den Attributen klassischer Kino-Schönheit gesegnet, und auch mit dem Begriff Glamour hat sie sich nie anfreunden können. Hupperts filigrane Schönheit ist naturalistisch, das Resultat von gelebtem Leben. Lebenserfahrung – guter wie schlechter. Darum wirken ihre vereinzelten Ausflüge in die Glamourwelt auch eher wie Parodien ihrer selbst. Das berühmte Foto Nan Goldins zum Beispiel, zu sehen in dem Band "Isabelle Huppert im Porträt": Huppert verführerisch drapiert auf rotem Samt. Ausgerechnet von Goldin, die sich einen Namen als Chronistin menschlichen Elends gemacht hatte. Huppert muss sich insgeheim köstlich über das Foto amüsiert haben.

In François Ozons "Acht Frauen" spielte sie an der Seite der aufregendsten französischen Kolleginnen (Deneuve, Ardant, Danielle Darrieux, Emmanuelle Bèart, Ludivine Sagnier) und trotzdem ist lange vor dem Schlussakt, wenn sie – ihrer Bibliothekarinnen-Maskerade entledigt – die Treppe heruntersteigt, klar, wer hier die Schönste im ganzen Land ist.

Kraftakte

Aber über solche Oberflächlichkeiten hat Isabelle Huppert sich als Schauspielerin nie definiert. Ihre besten Rollen waren im Gegenteil eine Tour de Force in die Abgründe der menschlichen Seele. Als Erika Kohaut, für die sie in Cannes den Darstellerpreis gewann, wird sie ewig unvergessen bleiben, als sie die ganze Klaviatur extremer Gefühlsausbrüche bespielte. Wenn sie das erste Mal ihren jungen Liebhaber auf dem Flügel zuhört, zeichnet sich gegen alle inneren Widerstände um ihre Mundwinkel herum ein zögerliches Lächeln ab. Seismische emotionale Verschiebungen. Später verzieht sie keine Miene, als sie sich mit einer Rasierklinge in ihre Schamlippen schneidet. Isabelle Huppert ist, wenn man das über eine zeitgenössische Schauspielerin sagen kann, hardcore. In ihrer Rollenwahl, ihrer Herangehensweise, der Intensität, mit der sie sich ihre Rollen aneignet, und der Art und Weise, wie sie über ihre Arbeit spricht. Sie muss immer etwas aus dem eigenen Leben, etwas Echtes in ihrer Arbeit fühlen. Auch am Theater hat sie bevorzugt mit Regisseuren – unter anderem Peter Zadek und Robert Wilson – gearbeitet, die sie forderten.

Die Widerständige

Auf die Gunst des Publikums legt Isabelle Huppert wenig Wert, nicht um jeden Preis. Man soll sich ihre Figuren erarbeiten, so wie sie sich die Figuren zuvor selbst erarbeitet hat. Patrice Chéreau nennt sie deswegen unerschrocken. In Michael Hanekes neuem Film "Liebe" spielt sie eine Frau, die ihre betagten Eltern in ein Pflegeheim abschieben möchte. Aber hinter ihrer Härte kommt auch eine Unzufriedenheit zum Vorschein, eine Wut. Hupperts Figuren sind gebrochen. Diesen Makel tragen sie ostentativ vor sich her, was mitunter ziemlich verstörend sein kann. In "Copacabana" dagegen haben die Schwächen Babous zur Abwechslung auch mal etwas Befreiendes. Man hatte ja längst vergessen, dass Isabelle Huppert auch Humor besitzt. Weil es im Kino inzwischen so selten geworden ist, wirkt ihr Lachen wie ein Naturereignis. Vielleicht ist es aber auch wieder nur eine dieser subjektiven Projektionen auf eine matte Leinwand.

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.

Fotos: © Verleih



Mehr über Isabelle Huppert und ihre Filme auf den Seiten der Internet Movie Database





Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Was bisher geschah...

Schön!

Sehr schöner Text, danke!

Klara | 28. Juni 2012   10:09

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)