Chernobyl Diaries

Anders reisen

Kinostart: 21.6.2012 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Als Tourist die normalen Sehenswürdigkeiten abklappern, das kann jeder. Für die US-amerikanischen Mittzwanziger Amanda, Chris und Natalie hat das auf ihrer ausgedehnten Europareise bisher auch gereicht. Ein Zwischenstopp noch bei Chris' großem Bruder Paul in Kiew und dann geht es über Moskau nach Hause. Als Sensation hat Paul für seine Gäste einen Tagestrip nach Pripyat organisiert, der seit über 25 Jahren verlassenen ehemaligen Wohnstadt der Angestellten vom Kernkraftwerk Tschernobyl. Eine prima Gelegenheit, schön morbide Fotos zu machen und sich die Nerven kitzeln zu lassen, wofür ihr undurchsichtiger Reiseführer Juri schon sorgen wird.

Gleich zu Beginn erfüllt ein garstig mutierter Fisch alle Erwartungen. Richtig an die Nerven geht aber eine andere Sache: Juris maroder Transporter streikt bei der Abfahrt, weshalb die Truppe, komplettiert durch ein schwedisches Pärchen, sich auf eine Nacht im Van einrichten muss; schon allein der Strahlung wegen ist das nicht ungefährlich. Und als Juri von einem Kontrollgang nicht zurückkommt, schwant den Extremtouristen langsam, dass langweiliges Denkmalgucken vielleicht die bessere Wahl gewesen wäre.

Eines muss man den Machern lassen. Die Location ist exquisit, auch wenn verständlicherweise nicht am Originalschauplatz gedreht werden konnte. Rund um Belgrad und Budapest gab es genügend verfallene Gebäude und Industrieanlagen, um nach Fotos ein täuschend echtes Pripyat-Setting nachzubauen. Regisseur Brad Parkers langjährige Erfahrung als Szenenbildner hat dabei sicher nicht geschadet. Genau dieses Setting macht auch den Reiz der ansonsten krude zwischen Bodycount-Horror und Nuklear-Apokalypsen-Schocker mit entsprechenden Mutanten changierenden Story von Oren Peli ("Paranormal Acitivity") aus. Denn es gibt natürlich noch Leben in Pripyat. Wohltuend wenig wird auf optische Schauer gesetzt, das eigentlich Schreckliche findet im Halbdunkeln und im Kopf des Zuschauers statt, der gemeinsam mit den Protagonisten Stück für Stück hinter das grausige Geheimnis kommt. Leider bleiben vor lauter Verliebtheit in die klaustrophobische Enge der Gebäude und Katakomben die Figuren auf der Strecke. So blass und austauschbar sie sind, ist es einem egal, wer oder ob überhaupt jemand überlebt. Trotzdem funktioniert der Film als solider Horrorschocker und ist sogar für zartere Gemüter erträglich.
Ingrid Beerbaum

Chernobyl Diaries, USA 2012, Regie: Bradley Parker, Buch: Oren Peli, Carey Van Dyke, Shane Van Dyke, mit Devin Kelley, Jonathan Sadowski, Ingrid Bolsø Berdal, Olivia Taylor Dudley u.a., ab 16, 85 min, Kinostart: 21. Juni 2012 bei Warner Bros.

Foto: © Warner Bros./2012 Oxford Tours, LLC.



Mehr Infos zu "Chernobyl Diaries"

"Chernobyl Diaries" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "Chernobyl Diaries"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Chernobyl Diaries" auf filmz.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)