Dein Weg

Vom Werden und Vergehen

Kinostart: 21.6.2012 | Tim Slagman | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was für eine Familie! Emilio Estevez, ältester Sohn von Martin Sheen, inszeniert in "Dein Weg" seinen Vater hier als bürgerlich-verstockten Patriarchen und wenige Augenblicke lang ist er selbst vor der Kamera zu sehen – das erste Mal seit einem Auftritt in der Serie "Two and a Half Men", die eine Zeit lang vor allem durch die Exzesse ihres Hauptdarstellers Charlie Sheen, Emilios Bruder, in den Schlagzeilen war.

Auch das neue gemeinsame Projekt der beiden strotzt nur so vor Familiensinn – einem Familiensinn, der freilich erst durch eine Tragödie herbeigezwungen wird. Wenn Emilio Estevez im Auto neben seinem Film- und realen Vater sitzt, dann ist die rein äußerliche Ähnlichkeit verblüffend. Der Augenarzt Tom Avery fährt seinen Sohn Daniel zum Startpunkt einer Weltreise. Flausen im Kopf, findet der Alte, während der Junge sich mit dem spießigen Praxisalltag seines Vaters nicht anfreunden kann. Doch Daniel verunglückt tödlich auf dem Jakobsweg. Tom kommt nach Spanien, um die sterblichen Überreste seines Sohnes heimzubringen, entscheidet sich dann aber, den Pilgerweg seines Sohnes zu vollenden. Um ihn so besser kennenzulernen. Und sich selbst, womöglich. Jedenfalls nicht, um sich vollschwätzen zu lassen von dem übergewichtigen Niederländer Joost, nicht, um als Vorlage für die nächste Geschichte des Autors Jack zu dienen und natürlich auch nicht, um unter die misanthropische Oberfläche der Kanadierin Sarah zu blicken. Na ja: eigentlich nicht. Denn natürlich zwingen die Begegnungen mit den anderen Pilgern auch den griesgrämigen Tom irgendwann, sich zu öffnen, um dem wahren Ziel seiner Reise – dem Weg natürlich – wirklich näherzukommen.

Über sehr weite Strecken verhindern die albernen, motzigen, naiven, narzisstischen Figuren genau das Abdriften in eine seichte Spiritualität, das bedrohlich naheliegend scheint bei diesem Thema. Ein neuer Ansatz bei der Beschreibung der inneren und äußeren Reise gelingt Estevez freilich nicht. Womöglich ist es auch der US-amerikanische Blick auf das Phänomen Jakobsweg, der "Dein Weg" ein wenig redundant erscheinen lässt. Schließlich ist von der Masse an Literatur und Filmen, die sich in den vergangenen Jahren der Pilgerreise gewidmet haben, wenig auf der anderen Seite des großen Teiches entstanden. So schwelgt Estevez in der dörflichen Schönheit Nordspaniens, in der Erhabenheit der Kathedrale von Santiagio de Compostela und schließlich in der Opulenz einer katholischen Messe. Doch exotisch oder schlicht fremd oder neu ist dem europäischen Zuschauer längst nichts mehr von alledem.
Tim Slagman

(The Way) USA, Spanien 2010, Buch & Regie: Emilio Estevez, mit Martin Sheen, Deborah Kara Unger, James Nesbitt, Yorick van Wageningen, Tchéky Karyo u.a., o.A., 123 min, Kinostart: 21. Juni 2012 bei Koch Media

Foto: © Koch Media



Mehr Infos zu "Dein Weg"

"The Way" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "Dein Weg"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Dein Weg" auf filmz.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)