Vielleicht in einem anderen Leben

Ein schöner Traum

Kinostart: 21.6.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein Todesmarsch gerät ins Stocken. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges strandet eine Gruppe ungarischer jüdischer Zwangsarbeiter, darunter der Budapester Opernsänger Lou Gandolf, auf dem Weg nach Mauthausen im Heustadl des Bauern Wolfgang Fasching. Dessen Frau Traudl reagiert angesichts der Elendsgestalten instinktiv: Sie bringt Suppe, Brot, Kartoffeln – und den Bauern auf die Palme, das Dorf gegen sich auf sowie einen Stein ins Rollen. Verhärtete Verhältnisse erweichen, weil die Gestrandeten, dankbar, das schöne Lied vom Wiener Blut einzustudieren beginnen. Musikinstrumente werden aus Verstecken geholt, erstmals seit langem sehen sich der Bauer und die Bäuerin wieder mit freundlichen Blicken an, kurz sieht es danach aus, als könne die Musik, und damit die Kunst, Mord und Totschlag überwinden.

"Vielleicht in einem anderen Leben" ist das Spielfilmdebüt der österreichischen Dokumentarfilmemacherin Elisabeth Scharang, die sich in ihrem Werk immer wieder kritisch mit der Vergangenheit und Gegenwart ihres Heimatlandes beschäftigt. 2005 begab sie sich mit "Mein Mörder" auf die Spurensuche nach dem Gerichtspsychiater Heinrich Gross, der an den notorisch verdrängten NS-Kindermorden in der Wiener Nervenklinik Spiegelgrund beteiligt war. 2006 drehte sie mit "Tintenfischalarm" ein Porträt des Intersexuellen Alex und machte darin die problematische gesellschaftliche Wahrnehmung von Hermaphroditismus zum Thema. 2007 schließlich legte sie mit "Franz Fuchs - Ein Patriot" ein Fernseh-Dokudrama über den Fall des berüchtigten rassistischen Briefbombers und angeblichen Einzeltäters vor, dessen Anschläge 1993 bis 1997 Österreich erschütterten.

Als Vorlage für "Vielleicht in einem anderen Leben" wählte Scharang das 2007 uraufgeführte Bühnenstück "Jedem das Seine" von Peter Turrini und Silke Hassler. Seine Herkunft vom Theater merkt man dem Film an: In Form seines gemessenen, mitunter fast statischen Inszenierungsstils und in einer Narration, die an die Stelle von Plausibilität die Kraft symbolhafter Verdichtung setzt. Absurd geht es zu, wenn das musikalische Treiben in der Scheune sich als Zeichen menschlichen Überlebenswillens gegen die drohende Vernichtung stemmt. Und gelassen bleibt dabei doch die Perspektive der Regie, die die einzelnen Charaktere nicht zu Thesenträgern macht, sondern in ihrer Individualität zur Geltung bringt. Vom Blut wird gesungen, bis Blut fließt und dichterische Freiheit auf politischen Realitätssinn trifft. Erzählt wird eben doch ein Märchen, das von einem anderen Leben träumt.
Alexandra Seitz

Vielleicht in einem anderen Leben, Österreich, Deutschland, Ungarn 2010, Regie: Elisabeth Scharang, Buch: Peter Turrini, Silke Hassler, Elisabeth Scharang, mit Ursula Strauss, Johannes Krisch, Péter Végh, Orsolya Tóth, Franziska Singer u.a., ab 12, 96 min, Kinostart: 21. Juni 2012 bei Eclipse Filmverleih

Foto: © Eclipse Filmverleih



Mehr Infos zu "Vielleicht in einem anderen Leben"

"Vielleicht in einem anderen Leben" - die offizielle Filmwebseite
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"Vielleicht in einem anderen Leben" auf filmportal.de
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