W.E.

Eine royale Romanze

Kinostart: 21.6.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sie hat es hartnäckig etliche Male versucht und doch war Madonna mit ihren Schauspielambitionen nicht annähernd so erfolgreich wie im Musikbusiness. Stattdessen findet man unter ihren zahlreichen Filmen eine auffällige Anhäufung von Kassenflops, Verirrungen und Fehlbesetzungen. Sie wurde mit deutlich mehr Goldenen Himbeeren (5) als mit Golden Globes (2) ausgezeichnet und Kritiker hatten häufig kaum mehr als Häme übrig für die Kinoausflüge der alternden Ex-"Queen of Pop". Ganz egal, ob sie als Missionskrankenschwester mit ihrem damaligen Gatten Sean Penn in "Shanghai Surprise" (1986) unterwegs war oder sich an Heißwachsspielchen mit Willem Dafoe im Thriller "Body of Evidence" (1993) versuchte. Zur Krönung hat sie dann auch noch ihr Ex Guy Ritchie in "Stürmische Liebe" unfassbar unvorteilhaft inszeniert. Inzwischen hat sie die Schauspielerei wohl an den Nagel gehängt. Vom Kino kann sie aber doch nicht lassen: Nach dem trashigen Debakel "Filth and Wisdom" (2008) führte Madonna nun zum zweiten Mal Regie – bei ihrem Doppelliebesdrama "W.E.".

Eine historische Liebe

Die Initialen stehen dabei für die Vornamen von Wallis Simpson (Andrea Riseborough) und dem britischen Thronfolger und späteren König Edward VIII. (James D'Arcy) und ergeben zusammen das englische Wort "we", also ein "wir" – und dieses "wir" wird gern zu den größten Romanzen des vergangenen Jahrhunderts gezählt. Aus Liebe zu der zweifach geschiedenen US-Amerikanerin ließ der König 1936 nach nur zehnmonatiger Regentschaft die Krone Krone sein, dankte ab und zog mit Simpson ins französische Exil, wo er sie heiratete und bis zu seinem Lebensende mit ihr zusammenlebte. Madonna zeichnet in ihrem Film nach, wie sich die beiden kennenlernen, sich eine Affäre und schließlich eine Liebe entwickelt, die sich gegen die starken, äußeren Widerstände und verheerenden Reaktionen stellt. Mit dem Fokus auf das Paar ist "W.E." zumindest rein inhaltlich so etwas wie das filmische Ergänzungsstück zu "The King's Speech", der im vergangenen Jahr von Eduards stotterndem Bruder erzählte, der ihm als George VI. unerwartet auf den Thron folgen musste.

Madonna begnügt sich aber nicht mit dieser royalen Romanze und erweitert ihren Film um das Porträt einer zweiten Frau namens Wally Winthrop (Abbie Cornish). Die lebt in einer Ehehölle mit unerfülltem Kinderwunsch und einem reichen, aber brutalen Mann. Für ihre Träume von einer romantischen und alles überstrahlenden Liebe findet sie in der königlichen Lovestory die ideale Projektionsfläche. Ja, sie ist, wie einst ihre Mutter, besessen von der Geschichte zwischen Simpson und dem Windsor. "Mädchen lieben Märchen", sagt sie einmal. Und dass ihre Mutter wollte, dass sie eines Tages einmal einen Prinz heiratet. Ein Stück dieser ersehnten Romanze findet sie in ihrer Begegnung mit Evgeny, einem russischstämmigen Sicherheitsmann im New Yorker Auktionshaus Sotheby's, durch dessen Räume Wally täglich streift. Denn dort sind Stücke aus dem Nachlass des berühmten Paares anzusehen, die demnächst unter den Hammer kommen sollen. Während sich nach und nach Parallelen zwischen den beiden Frauengeschichten herauskristallisieren, stellt Wally fest, dass man zwar für die Liebe etwas wagen muss, dass aber trotz allen Liebesglücks nicht immer alles einfach ist.

Frauenschicksale - heute und gestern

Um diese beiden Geschichten ineinander zu verschlingen, hat sich Madonna eine assoziative Rückblendenstruktur überlegt. Es gibt ein permanentes Hin- und Hergleiten zwischen den beiden Zeitebenen, wobei es oft Gegenstände aus der Sotheby's-Auktion sind, die die Vergangenheit mit der Filmgegenwart 1998 verlinken. Manchmal berühren sich in Wallys Imagination die beiden Erzählebenen aber auch. Dann hat sie Zwiegespräche mit Simpson, die dann mit einem Martini-Glas in der Hand ganz bedeutungsvolle Sätze sagt wie: "Sie können dich nicht verletzen, wenn du es nicht zulässt."

So unübersichtlich das Zeitenwechseln bisweilen ist, so anstrengend und überambitioniert ist die ganze Form des Films. Zur atemlos dudelnden Musik, die sich wie eine unglückselige Verbindung aus Yann Tiersen und Philipp Glas enervierend über nahezu jede Szene legt, schwebt die Kamera des deutschen Kameramannes Hagen Bogdanski durch die oft prachtvoll ausgestatteten Räume und versucht beiläufig Details, Gesten, hübsche Dekors aufzuschnappen. Dieser elegante, bisweilen fast artifiziell glatte Bilderfluss wird angereichert mit grobkörnig dokumentarischen Eindrücken, mit Archivausschnitten, Zeitlupen und einer alles andere als subtilen Dramatik, vor allem wenn es um Wallys Kinderwunsch und ihre Hormonspritzenbehandlung geht.

Politik? Nein danke!

Nicht wirklich auseinandersetzen will sich Madonna allerdings mit den zweifelhaften politischen Sympathien des Herzogs und seiner Frau. Ihnen wird schließlich eine politische Nähe zu den Nazis nachgesagt. Einmal war das Paar bei Hitler auf dem Obersalzberg zu Gast. "Na und!?", hat sich Madonna offenbar gedacht. Churchill und Stalin hätten schließlich auch mal zusammen diniert, sagt Edwards Bruder George in "W.E.". Und Simpson selbst wird mit einem Brief zitiert: "Das unentwegte Geflüster, dass wir Hitler und sein diabolisches Verhalten unterstützen würden, ist absurd. Die Gerüchte hängen dennoch wie eine große Wolke über uns." Damit ist die Sache dann hier für Madonna erledigt. Ist ja auch irgendwie störend in so einer großen Liebesgeschichte. Auch darüber hinaus bleibt ihr Film seltsam substanzlos und seine Figuren ziemlich blass. Madonna lässt sich viel lieber von der Schönheit der visuellen Oberflächen ihres Films wegtragen, der dabei zunehmend in anstrengende, äußerst gepflegte Langeweile abdriftet. Und so reiht sich "W.E." nahtlos in Madonnas verkorkste Filmografie mit ein.

W.E., Großbritannien 2011, Regie: Madonna, Buch: Madonna, Alek Keshishian, mit Andrea Riseborough, Abbie Cornish, James D'Arcy, Oscar Isaac, Richard Coyle, James Fox u.a., ab 12, 115 min, Kinostart: 21. Juni 2012 bei Senator

Fotos: © Senator

Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.



Mehr Infos zu "W.E."

"W.E." - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "W.E."
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "W.E." auf filmz.de




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