17 Mädchen

Ein anderes Leben

Kinostart: 14.6.2012 | Christian Horn | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Camille ist ungewollt schwanger. Für das Mädchen kein Grund zur Panik. Die Tatsache, dass die 16-Jährige ein Baby erwartet, empfindet sie als Chance für ein neues und sinnvolleres Leben. Sie will alles anders – und vor allem besser machen – als ihre alleinerziehende Mutter. Und sie will endlich eine Familie haben, die nach ihren Vorstellungen funktioniert. Das "Ja" zum Kind wird für Camille zu einem Akt der Selbstbehauptung und zugleich zu einer konkreten Abgrenzung vom Elternhaus. Als mit der Außenseiterin Florence ein weiteres Mädchen der Schule ein Kind erwartet, schließt die Mädchenclique um Camille einen Pakt: Sie alle wollen kollektiv schwanger werden, um die Kinder in einer Gemeinschaft großzuziehen. Den Plan setzen die Mädchen bei der nächsten Party prompt in die Tat um und stoßen damit Eltern und Lehrer gehörig vor den Kopf. Ihren eigenen Körper nutzen die Mädchen als Vehikel ihres rebellischen Protests.

Mein Bauch gehört mir

Auf die Idee zu "17 Mädchen" kamen Delphine und Muriel Coulin durch eine Zeitungsnotiz, die von einem Schwangerschaftspakt unter High-School-Schülerinnen in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Massachusetts berichtete. Für ihren Film verlegten die Filmemacherinnen die Handlung in ihren Geburtsort, die bretonische Hafenstadt Lorient. Ohne die Handlungsweise der Mädchen moralisch zu bewerten, suchen die Schwestern Coulin nach den Motiven der Protagonistinnen und stellen diese in Gesprächen innerhalb der Clique heraus. In ihrer gruppendynamischen Euphorie stellen sich die Mädchen ein Kind als einen Menschen vor, der sie das ganze Leben lang bedingungslos liebt. Sie sind davon überzeugt, dass das Leben mit Kind doppelt erfüllend sein wird: Mit Schule und Baby lebe man zu zweihundert Prozent, erklärt die schöne Camille, die durchgängig die Anführerin der Gruppe und die Trägerin des Traums bleibt. Hinzu kommt der Wunsch, nicht mehr als Kind wahrgenommen zu werden und mit dem elterlichen Regelwerk zu brechen. Der hier ausschlaggebende Generationenkonflikt bleibt in der Vorstellung der Mädchen aber bei ihren eigenen Kindern aus. Glauben sie doch, dass ihre Töchter und Söhne später wegen des geringen Altersunterschieds in ihnen weniger Mütter, sondern vielmehr Geschwister sehen werden.

Teenagerträume

Mit der emanzipierten Utopie einer Art Hippie-Kommune, in der die Kinder aufwachsen sollen, verbindet sich der Traum von einem gemeinsamen Leben nach eigenen Werten. Lediglich Mathilde widersetzt sich dem sozialen Druck und erwägt bis zuletzt keine Schwangerschaft. In ihrer tristen Darstellung der Hafenstadt Lorient, in der neben dem Strand allenfalls ein Kino und ein Fast-Food-Restaurant als soziale Orte fungieren, rücken die Regisseurinnen ein weiteres Motiv der Mädchen ins Blickfeld: Letztlich wollen Camille und ihre Freundinnen auch der Langeweile und Perspektivlosigkeit entfliehen, die ihr Leben bestimmt. Trotz der vielen im Film angebrachten Erklärungen bleibt das Publikum – ganz so wie die erwachsenen Nebenfiguren – mit der drängenden Frage nach dem Warum schlussendlich alleine und regt so zum Nachdenken an, was die Mädchen eigentlich wirklich bezwecken und ob sie mit einer Schwangerschaft das richtige Mittel gewählt haben.

Die Welt der Erwachsenen spielt in "17 Mädchen" eine ebenso untergeordnete Rolle wie jene der Jungen und Kindesväter, die allenfalls am Rande vorkommen. Den perplexen Eltern und der besorgten Schulleitung, die sich das Verhalten der Mädchen nicht erklären können, fällt kaum mehr als die Vorführung eines Aufklärungsfilms, das Aufstellen eines Kondomautomaten in der Schule oder die Erteilung von Hausarrest ein. Besonders die kindlich wirkende Clémentine gerät mit ihren Eltern in Streit, flüchtet schließlich von zu Hause und findet zunächst Halt bei ihren Freundinnen. Clémentine ist es auch, die mit der Schwangerschaft am ehesten überfordert ist. Programmatisch für die Entfremdung zwischen Kindern und Eltern steht die erste Szene mit Camille und ihrer Mutter, in der die Mutter sinnbildlich einige Zeit in der Unschärfe des Hintergrunds verweilt.

Utopie und Wirklichkeit

Delphine und Muriel Coulin, die mit "17 Mädchen" ihr Spielfilmdebüt liefern, inszenieren die unerhörte Begebenheit an der französischen Schule auf ruhige Weise und mit klaren, sorgsam komponierten Bildern in Pastelltönen. Die Aufmerksamkeit gilt den Befindlichkeiten der Schülerinnen, wobei vor allem die Diskrepanz zwischen der schwärmerischen Bejahung des Plans in der Gruppe und der Nachdenklichkeit der Mädchen, wenn sie alleine sind, auffällig ist: Immer wieder zeigt "17 Mädchen" die Protagonistinnen, wie sie alleine in ihren Kinderzimmern auf dem Bett liegen und über ihre Lage grübeln. Gerade bei diesen Gewissenskonflikten und generell bei der etwas leichtfüßigen Darstellung der Schwangerschaften lassen die Regisseurinnen dramatisches Potenzial ungenutzt, was schließlich in einer etwas ungelenk geratenen Schlusswendung kulminiert. Dennoch ist "17 Mädchen" ein durchaus sehenswertes Drama, das – unterhaltsam und ambitioniert gleichermaßen – weit über den Abspann hinauswirkt.

(17 filles) Frankreich 2011, Buch & Regie: Delphine Coulin, Muriel Coulin, mit Louise Grinberg, Juliette Darche, Roxane Duran, Esther Garrel, Yara Pilartz u.a., 90 min, Kinostart: 14. Juni 2012 bei Arsenal Filmverleih

Fotos: © Arsenal Filmverleih

Christian Horn lebt in Berlin und schreibt über Filme.



Mehr Infos zu "17 Mädchen"

Die deutsche Webseite zu "17 Mädchen"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "17 Mädchen" auf filmz.de
FilmTipp von Vision Kino
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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