Alpen

Die Rolle der Toten

Kinostart: 14.6.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Yorgos Lanthimos gilt neben Athina Rachel Tsangari ("Attenberg") als wichtigster Vertreter des neuen griechischen Kinos. Sein letzter Film "Dogtooth" war so etwas wie die Initialzündung. Als erste griechische Produktion seit über fünfzig Jahren wurde er 2009 sogar für den Oscar® nominiert. Seine Filme erinnern in ihren kühlen Versuchsaufbauten an soziologische Experimente. In "Dogtooth" legte er eine griechische Mittelklassefamilie auf den Seziertisch. Der Vater hat seine Kinder von der Außenwelt isoliert, das Leben jenseits der Grundstücksmauern kennen sie nur vom Hörensagen. Um diese Illusion von Wirklichkeit aufrechtzuerhalten, müssen Welt und Sprache neu erfunden werden. Notfalls auch mit Gewalt.

Mit "Alpen" hat Lanthimos sein dystopisches Gesellschaftsbild nun rigoros weiterentwickelt. Eine geheimnisvolle Gruppe von vier Leuten, die sich nach Berggipfeln in den Alpen benannt haben, bietet Mitmenschen einen ungewöhnlichen Service an: Für ein Honorar schlüpfen sie, gewissermaßen als Dienstleister von Ersatzhandlungen, in die Rollen Verstorbener – der Tochter, der Geliebten, des besten Freundes. Das Gefühl von Trauer und Verlust wird kurzerhand durch die Inszenierung einer verblassten Erinnerung ersetzt. Monte Rosa wiederum, die weibliche Hauptfigur, spürt in diesen Nachstellungen einem wahrhaften Gefühl nach, das ihr längst abhanden gekommen ist. Als sie echte und eingebildete Gefühle durcheinanderzubringen beginnt, greifen, ähnlich wie in "Dogtooth", die totalitären Mechanismen innerhalb der Gruppe.

Lanthimos' eigenwillige Dramaturgie ist eine ständige Herausforderung an den Zuschauer. Informationen über seine Figuren gibt er nur sukzessive preis, seine Inszenierung erinnert in ihrer entleerten Ausdruckslosigkeit an Stücke von Beckett oder Ionesco. Diese emotionale Distanz ermöglicht einen genauen Blick auf die menschlichen Verhaltensmuster, nach denen seine Figuren funktionieren. Lanthimos erforscht Gruppendynamiken und Machtverhältnisse, verzichtet dabei aber auf eine herkömmliche Figurenpsychologie. Weil ihre Handlungen so wenig nachvollziehbar sind, erscheinen seine Figuren umso tragischer. Alle Ausbruchsversuche aus Lanthimos' rigiden Wirklichkeitskonstrukten sind von Beginn an zum Scheitern verurteilt.
Andreas Busche

(Alpeis) Griechenland 2011, Regie: Yorgos Lanthimos, Buch: Yorgos Lanthimos, Efthymis Filippou, mit Aggeliki Papoulia, Aris Servetalis, Johnny Vekris, Ariane Labed, Stavros Psyllakis u.a., OmU, ab 12, 93 min, Kinostart: 14. Juni 2012 bei Rapid Eye Movies

Foto: © Rapid Eye Movies



Mehr Infos zu "Alpen"

"Alpeis" - die offizielle Filmwebseite (griechisch, englisch)
Infos zu "Alpen" vom deutschen Verleih
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Alpen" auf filmz.de




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