House of Shame

Sex, Drag und Rock'n'Roll

Kinostart: 7.6.2012 | Jenni Zylka | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Berlin bei Nacht: ein Sündenbabel. Zwischendrin schmeißt Chantal seit zehn Jahren ihr House of Shame, eine an wechselnden Orten stattfindende Nummernrevue voller großer Frauen mit tiefen Stimmen, voller Sex, Drag und Rock'n'Roll. Die Fotografin und Filmemacherin J. Jackie Baier hat das Nachtleben ihrer transsexuellen Freundin porträtiert, packt knallende Stage Acts, Fotos und Kameraeinfälle aneinander, lässt bekannte Dragqueens, Mitstreiter, Chicks with dicks, Musiker und Fans zu Wort kommen. Zwischendurch plaudert Chantal ein bisschen aus ihrem Nähkästchen. "House of Shame" ist eine äußerst liebevoll gemalte Dokumentation voller Glitter- und Flitterkram, die – ein bisschen wie eine jener nie endenden Nächte – irgendwann ein wenig ins Redundante abrutscht: Nach einer Stunde allgegenwärtiger Lobhudelei auf Chantals überwältigende Qualitäten könnte man auch mal ein bisschen mehr von jener Bissigkeit vertragen, die sich in Nuancen in Chantals recht seltenen O-Tönen andeutet.

Baier verzichtet auf das Graben in Chantals früherer Vergangenheit, lässt sie aber von ihrer Straßenerfahrenheit durch 17 Jahre Transenstrich erzählen. Dass Chantal durch das Veranstalten des "House of Shame" anscheinend tatsächlich eine tiefe Krise bewältigte, wird nur am Rande erwähnt. Vielleicht, um nicht den typischen Transidentiker-Problemfilm zu machen, wird auch das ganze Gender-Thema eher spielerisch gestreift. So gleicht die Dokumentation einem Geburtstagsgeschenk an eine tolle Veranstalterin und eine glamourös-komatöse Partyreihe – und strahlt vor allem glitzernde Oberflächlichkeit aus. Dass hinter jedem Nachtmenschen – ob Mann, Frau, beides oder keins von beidem – auch immer eine Geschichte steckt, die neugierig machen könnte, ist genauso unwichtig wie der Kater am Morgen. "House of Shame" ist, gemeinsam mit der momentan ebenfalls im Kino laufenden Dokumentation über die legendäre "Bar 25", vor allem ein Fest für die "creatures of the night". Und wenn die anderen dann zur Arbeit gehen / dann sagen wir Gut Nacht.
Jenni Zylka

(House of Shame - Chantal all Night long) Dokumentarfilm, Deutschland 2010, Buch & Regie: Johanna Jackie Baier, mit Chantal Lehner, Joey Arias, Gloria Viagra, Lola Sara Korf, Salomé Wolfgang Cihlarz, Sherry Vine u.a., 93 min, Kinostart: 7. Juni 2012 bei Johanna Jackie Baier Filmproduktion

Foto: © Johanna Jackie Baier Filmproduktion



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