Knistern der Zeit

Er hatte einen Traum

Kinostart: 7.6.2012 | Andreas Resch | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Am 21. August 2010 ist Christoph Schlingensief infolge einer Krebserkrankung verstorben. Sein letztes Projekt, in gewissem Sinne sein Vermächtnis, ist der Plan gewesen, in Burkina Faso in der Nähe der Hauptstadt Ouagadougou, ein Operndorf zu erbauen. Beim ersten Hören mag das, ganz Schlingensief-typisch, ein wenig absurd anmuten. Man fühlt sich an Werner Herzogs "Fitzcarraldo" erinnert, jenem Film über den exzentrischen Opernnarren Brian Sweeney Fitzgerald, gespielt von Klaus Kinski, der im tiefsten peruanischen Regenwald ein Opernhaus errichten wollte. Weiß man jedoch, dass ein Krankenhaus und eine angegliederte Schule integraler Bestandteil von Schlingensiefs Entwurf sind, dass das alles also ganz und gar nicht absurd-weltfremdes L'art-pour-l'art-Theater ist, sondern ein konkretes Projekt zur Verbesserung der Lebenssituation der dort ansässigen Bevölkerung, so versteht man, dass hier individuelle künstlerische Vision und ein tief sitzender Humanismus eine äußerst produktive Liaison eingegangen sind. Und tatsächlich: Im Oktober 2011 konnte in einem ersten Schritt die Schule eröffnet werden, auch wenn Schlingensief selbst das nicht mehr miterleben durfte.

Schlingensiefs Vision von einem Dorf

Mit "Knistern der Zeit" ist ein Dokumentarfilm zum Operndorf-Projekt entstanden, der jetzt in die Kinos kommt. Allerdings darf man sich das nicht so vorstellen, dass die Filmemacherin Sibylle Dahrendorf das Projekt als neutrale Beobachterin begleitet hätte – das wäre auch kaum möglich gewesen, da sie Schlingensief bei Drehbeginn schon sehr lange gekannt und ihn und sein Schaffen schon mehrfach ins Zentrum ihrer Arbeit gerückt hat. Vielmehr ist dieser Film als Bestandteil des Schlingensiefschen Gesamtwerks zu begreifen. Schon auf formaler Ebene wird das dadurch deutlich, dass zahlreiche Videoclips, in denen sich Christoph Schlingensief selbst mit seinem Mobiltelefon gefilmt hat, Einzug in den fertigen Film erhalten haben.

Natürlich denkt man, wenn man Operndorf hört, an Schlingensiefs "Parsifal"-Inszenierung bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth. Man denkt an seine künstlerische Situierung an den Grenzen zwischen den Systemen Theater, Film und Bildende Kunst und daran, dass es Christoph Schlingensief stets immer auch darum gegangen ist, Kunst inmitten der Gesellschaft zu verorten, sie aus ihren jeweiligen Bezugssystemen herauszuzerren und dorthin zu bringen, wo sie tatsächlich etwas bewirken kann. Ausgehend vom diesem künstlerischen Selbstverständnis wäre es dann auch der denkbar verkehrte Ansatz, als Zuschauer von diesem Film zu erwarten, am Ende wirklich voll und ganz verstehen zu können, warum Christoph Schlingensief dieses Operndorf unbedingt bauen wollte. Dazu ist sein Verständnis von Kunst zu komplex, zu individuell. Ebenso wird man kaum mit der Frage weiterkommen, ob die Menschen, für die das Dorf gebaut wird, mit Schlingensiefs Idee tatsächlich etwas anfangen können. Dieses Operndorf ist Traum, Vision, Streben nach Transzendenz.

Realität gewordene Utopie

Ein "Gesamtkunstwerk" habe er schaffen wollen, einen Ort, an dem man "die höchste Kunstform des Zusammenlebens studieren kann" – so hat Christoph Schlingensief seine Vision bei der Grundsteinlegung formuliert. Und während es im wirklichen Leben ja oft so ist, dass eine Vision, nimmt sie denn einmal tatsächlich konkrete Formen an, sich schnell abreibt an der Realität, Konturen verliert, stumpf wird, geschieht genau dies bei Schlingensief nicht: Sein Dorf ist Realität gewordene Utopie. Wenn so etwas möglich ist, fragt man sich, ein Operndorf mitten im Nirgendwo in einem der ärmsten Länder der Erde, gibt es dann überhaupt etwas, das nicht möglich wäre?

"Knistern der Zeit" ist ein zutiefst persönlicher Film geworden, der von einem Mann handelt, der begriffen hat, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt, und der dementsprechend weiß, dass ein Scheitern seines Projekts jederzeit denkbar ist. Von der ersten Reise nach Burkina Faso und der Suche nach einem geeigneten Ort für das Operndorf über das Vorstellen seiner Ideen bei Politikern und Bevölkerung bis hin zur Grundsteinlegung und schließlich der Eröffnung der Schule bebildert Dahrendorfs Film das Voranschreiten des Projekts, die kritischen Situationen ebenso wie die zahllosen kleinen Glücksmomente.

Auf einer tiefer liegenden Ebene ist "Knistern der Zeit" ein Film über das Sterben, auch wenn Schlingensiefs Krankheit so gut wie nie explizit – und wenn, dann nur von ihm selbst – thematisiert wird. Zum Glück endet der Film nicht mit Schlingensiefs Tod. Zugleich ist dieses Weitergehen auch folgerichtig – denn genauso geht ja auch das Projekt weiter, fortgeführt von seinen zahlreichen Unterstützern, organisiert von Schlingensiefs Frau Aino Laberenz. Zeitlebens hat Christoph Schlingensief die Grenzen zwischen Kunst und Leben eingerissen. Und in genau dieser Tradition steht "Knistern der Zeit": Ein Werk, welches Schlingensiefs letztes großes Projekt dokumentiert – und gleichzeitig zu einem Teil von ihm geworden ist.

Knistern der Zeit - Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso, Dokumentarfilm, Deutschland 2012, Buch & Regie: Sibylle Dahrendorf, mit Christoph Schlingensief, Diébédo Francis Kéré, Aino Laberenz, Stanislas Meda, Thierry Kobyagda u.a., o.A., 100 min, Kinostart: 7. Juni 2012 bei Filmgalerie 451

Fotos: Aino Laberenz & Sibylle Dahrendorf / © Filmgalerie 451

Andreas Resch lebt und schreibt in Berlin.



Mehr Infos zu "Knistern der Zeit"

"Knistern der Zeit" - Filminfo vom Verleih
"Knistern der Zeit" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Knistern der Zeit" auf filmz.de
Website zum Operndorf Afrika (englisch, deutsch, französisch)




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