Kochen ist Chefsache

Krieg der Sterne

Kinostart: 7.6.2012 | Tim Slagman | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sei es bei dem wild gestikulierenden Fernsehpreisträger Christian Rach oder bei dem britischen Vorzeigecholeriker Gordon Ramsay: Vor allem im Fernsehen wurde dem Publikum in den vergangenen Jahren beigebracht, dass es in der Weltspitze, oder, sagen wir es angemessen frankophon: in der Crème de la Crème der Spitzenköche manchmal gar nicht mehr um die sinnesfrohe Freude an der nächsten Kreation geht, sondern um Sterne, Ehre, Macht und selbstmörderische Arbeitszeiten.

Mitten hinein in dieses Paradoxon von Genuss und Hyperstress trifft Daniel Cohens Komödie "Kochen ist Chefsache" aus dem Mutterland des Feinschmeckertums, wo all diese Konflikte womöglich noch etwas prominenter im nationalen Bewusstsein verankert sind als hier im kulinarischen Nirgendwo zwischen Labskaus und Leberkäs.

Das Kochen ist bei Cohen eine Leidenschaft, eine Kunst, Poesie für Träumer und für Nerds zugleich. Für so jemanden wie Jacky Bonnot (Michaël Youn) also, der mit seinem Anspruch und Perfektionismus am Herd regelmäßig an seinen Gästen wie an den Geschäftsführern der schlichten Etablissements scheitert, in denen er für jeweils recht kurze Zeit eine Anstellung findet. Seiner schwangeren Freundin Beatrice zuliebe sattelt er um – doch das Altenheim, dessen Fassade Jacky neuerdings streicht, kommt eines Tages der legendäre Sternekoch Alexandre Lagarde (Jean Reno) besuchen, Jackys großes Idol. Auch Lagarde steht das Wasser bis zum Hals, er braucht dringend neue Ideen, sonst ist einer seiner Sterne wohl futsch – und sein Job frei für den potenziellen Nachfolger, einen versnobten Molekularkoch aus, mon Dieu, England!

Der Film versucht gar nicht erst, das Vergnügen an detailverliebt hindrapierten Menüs zu erwecken. Cohen will die Lust am Essen nicht über das Auge erzwingen. Vielmehr erzählt er von sympathischen Urgesteinen und ihrer totalen Hingabe an ein romantisches Ideal auf der einen – und von pseudo-trendiger Dekadenz und gnadenlosem ökonomischen Optimierungszwang auf der anderen Seite. Viele Szenen, die die Unfähigkeit von grünschnabeligen Konzern-Erben oder den Hype um die Molekularküche satirisch überdreht entlarven wollen, kippen aber ins allzu Schrille, Alberne. Am stärksten ist Cohens Geschichte da, wo sie bei aller Komik auch die Fallhöhe ihrer Hauptfiguren sichtbar macht und den Humor mit einem bitteren Schuss Tragik anreichert.
Tim Slagman

(Comme un Chef) Frankreich 2011, Buch & Regie: Daniel Cohen, mit Jean Reno, Michaël Youn, Raphaëlle Agogué, Joulien Boisselier, Salomé Stevenin u.a., o.A., 84 min, Kinostart: 7. Juni 2012 bei Senator

Foto: © Senator



Mehr Infos zu "Kochen ist Chefsache"

"Comme un Chef" - die offizielle Filmwebseite (französisch)
Die deutsche Webseite zu "Kochen ist Chefsache"
Filminfos in der Internet Movie Database
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