Schwarzer Ozean

Das Ende der Unschuld

Kinostart: 7.6.2012 | Kirsten Taylor | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Voller Angst watet ein Junge durch einen breiten Fluss. Am Ufer angekommen, gräbt er an einer Pinie eine Blechdose aus und liest den sich darin befindlichen Zettel: "Der, der es gewagt hat, den Fluss zu durchqueren, verdient ein gutes Leben!" Die Büchse mit der Botschaft hatte er zuvor versteckt. Doch das Versprechen der selbst gestellten Mutprobe wird sich nicht erfüllen. Jahre später erzählt Moriaty, mittlerweile Rekrut an Bord eines französischen Militärschiffs, seinem Freund Massina diese Geschichte aus seiner Kindheit. Ein kurzer Moment der Vertrautheit in einer latent aggressiven Atmosphäre. Routine, Drill, Einsamkeit bestimmen den Alltag an Bord, mit Kartenspielen und Kräftemessen schlagen die jungen Männer die Zeit tot. Scheinbar ziellos fährt das Schiff durch den Südpazifik, durch die unendlichen Weiten des Meeres – ein Sinnbild für die Eintönigkeit, aber auch die Ungewissheit der Zukunft. Eine Zukunft, die sich für Moriaty jäh verdüstert, als sein Schiff aus der Ferne einen Atombombenversuch beobachten muss. Doch nur Moriaty scheint sich über die Ungeheuerlichkeit dieses Ereignisses im Klaren zu sein.

Als Zuschauer im Kinosaal hat man einen Wissensvorsprung: Man weiß, im Gegensatz zu den Rekruten, wohin die Reise führen wird und welcher Gefahr sie ausgesetzt werden. Schließlich geht es in "Schwarzer Ozean" um die Atombombenversuche, die Frankreich zwischen 1966 und 1995 im Südpazifik unternommen hat. Mehr als 170 Male zündete "La Grande Nation" dort nukleare Sprengsätze. Nach wie vor ein heikles Thema und so zog das französische Verteidigungsministerium und die Marine ihre zugesagte Unterstützung für das Filmprojekt der belgischen Filmemacherin Marion Hänsel wieder zurück. Das Drehbuch würde die historische Atmosphäre und die Begeisterung der Mannschaften nicht akkurat wiedergeben, so die Begründung.

Im Film ist die Atomexplosion von zentraler Bedeutung, dennoch wird sie geradezu beiläufig in Szene gesetzt. Die Aufmerksamkeit der Regisseurin gilt vielmehr Moriaty und seinen Kumpanen Massina und Da Maggio, die unterschiedlich mit der Situation an Bord umgehen und auch die Atombombenexplosion unterschiedlich verarbeiten. Dabei dringt sie nie ins Innere der jungen Männer vor. Man muss viel erschauen und erahnen und sich von den poetischen, zuweilen nostalgischen – der Film spielt zu Beginn der 1970er – und homoerotisch angehauchten Bildern und Stimmungen tragen lassen. Der große Knall bleibt also aus. Schade nur, dass der Schock nicht spürbar wird, der das Erlebnis bei Moriaty und Massina angeblich nach sich zieht. Was bleibt, ist Ratlosigkeit, denn so richtig weiß man am Ende nicht, was Marion Hänsel eigentlich erzählen wollte.
Kirsten Taylor

(Noir Océan) Belgien, Deutschland, Frankreich 2010, Buch & Regie: Marion Hänsel nach zwei Kurzgeschichten von Hubert Mingarelli, mit Nicolas Robin, Adrien Jolivet, Romain David u.a., OmU, 88 min,  Kinostart: 7. Juni 2012 bei Salzgeber

Foto: © Salzgeber



Mehr Infos zu "Schwarzer Ozean"

"Noir Océan" - die offizielle Filmwebseite (französisch)
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