Wolfsbrüder

Ein wildes Leben

Kinostart: 7.6.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sieben Jahre ist Marcos alt, als er an Don Honesto verkauft wird. Der Vater, ein armer Leibeigener, kann die fünf Ziegen nicht ersetzen, die sich Wölfe aus der Herde des Don, des Lehnsherrn, geholt haben. Und weil Marcos' Stiefmutter ein böses Weib ist, dem der kleine Junge ein unnützer Fresser zu viel und Dorn im Auge ist, sieht der sich mit einem Mal entwurzelt und vertrieben. Don Honesto lässt den Jungen zum Ziegenhirten Atanasio in eine entlegene Berggegend bringen. Marcos soll dem Alten, der dort in einer Höhle lebt, bei der Arbeit helfen. Er lernt Techniken des Überlebens in der Wildnis und er lernt, wie man mit dem ortsansässigen Wolfsrudel friedlich koexistieren kann. Als Atanasio stirbt und Marcos alleine zurück bleibt, sind es die Wölfe, die ihm über den ersten Winter helfen. Und es sind die Wölfe, in deren Gemeinschaft er die folgenden elf Jahre verbringen wird. Bis die Polizei auf ihrer Suche nach einem Kriminellen ins Tal kommt, auf den verwilderten Jungen stößt und diesen mit sich zurück in die Zivilisation schleppt. Geschehen ist dies alles nicht in einer fernen Vergangenheit, sondern im letzten Jahrhundert in Spanien. "Wolfsbrüder" von Gerardo Olivares erzählt die Geschichte des Marcos Rodríguez Pantoja, der 1946 in der nördlichen Provinz Cordoba geboren wurde und von 1953 bis 1965 in einem Tal im Herzen der Sierra Morena mit einem Wolfsrudel zusammenlebte.

Für Fälle abseits der Zivilisation aufgewachsener, verwilderter Kinder hat sich das Kino schon immer interessiert: François Truffaut gestaltete in "Der Wolfsjunge" (1970) den wahren Fall eines 1789 bei Aveyron aufgefundenen, taubstummen Jungen, den Dr. Itard auf den Namen Victor taufte und in die menschliche Gesellschaft einzugliedern versuchte. Werner Herzog drehte mit "Kaspar Hauser - Jeder für sich und Gott gegen alle" (1974) einen Film über den berühmten Kriminalfall des gleichnamigen "rätselhaften Findlings", der zu Beginn des 19. Jahrhunderts für Aufsehen und Aufregung sorgte. Beide Male steht der Konflikt zwischen Vergesellschaftung und "Urzustand" im Mittelpunkt der Erzählung, werden am verwilderten, der menschlichen Gemeinschaft fernen Wesen zurichtende Maßnahmen vorgenommen, deren destruktiver Zwangscharakter spätestens mit dem bösen Ende, das die Dressuren schließlich nehmen, offenbar wird.

Im Gegensatz zu diesen deutlich zivilisationskritisch ausfallenden narrativen Ansätzen legt Olivares in "Wolfsbrüder" den Schwerpunkt auf die Gestaltung einer klischeehaften Geschichte innerhalb der ästhetischen Konventionen des Natur- und Tierfilms. Zu hölzernen Dialogen gesellt sich nun also eine verdoppelnde Manipulationsmusik aus der Retorte. Ebenso entbehrlich sind diverse, bloß grob skizzierte Nebenfiguren sowie einige lediglich angerissene, dann nicht weiter verfolgte Handlungsmotive. Wer aber all dies mit, zugegeben, einiger Anstrengung ausblenden kann, für den hält "Wolfsbrüder" zahlreiche Zeugnisse der beeindruckenden Flora und Fauna der Naturschutzgebiete Cardeña und Montoro Sierra bereit. Geräusche, Farben, Licht, Wind, Steine, Pflanzen, Tiere – und mittendrin ein Junge unter Wölfen, dem sich das Leben auf andere Weise schenkt.
Alexandra Seitz

(Entrelobos) Deutschland, Spanien 2010, Buch & Regie: Gerardo Olivares, mit Juan José Ballesta, Sancho Gracia, Manuel Camacho, Carlos Bardem, Alex Brendemühl u.a.,ab 6, 107 min, Kinostart: 7. Juni 2012 bei Polyband

Foto: © Polyband



Mehr Infos zu "Wolfsbrüder"

"Entrelobos" - die offizielle Filmwebseite (spanisch, englisch)
Die deutsche Webseite zu "Wolfsbrüder"
"Wolfsbrüder" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Wolfsbrüder" auf filmz.de
FilmTipp von Vision Kino
Filmbesprechung auf kinofenster.de





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