Leb wohl, meine Königin!

Die Vorleserin

Kinostart: 31.5.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

14. Juli 1789. Am Tag, als die Französische Revolution beginnt, liest Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) keine Zeitung, sondern ein hübsches Modejournal. Genauer gesagt, sie lässt lesen: Ihre junge Vorleserin Sidonie (Léa Seydoux) behandelt sie als Spielgefährtin, ein recht einseitiges Verhältnis. Das Waisenkind liebt und verehrt die Monarchin, doch außer der körperlichen Nähe gibt es keine Verbindung. Zudem hat Marie Antoinette bereits eine ebenso verbotene, aber immerhin standesgemäße Affäre mit ihrer Favoritin Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen). Gerüchte über solche Eskapaden haben den Ruf der Königin schwer beschädigt. Doch Sidonies Loyalität ist grenzenlos. Das Volk, das sich auf den Straßen von Paris austobt und aus dem sie stammt, interessiert sie nicht. Sie sieht sich als Teil des Hofstaats, er ist ihre Familie und die hinter den Mauern von Versailles abgeschottete Aristokratie ihre ganze Welt – eine fatale Illusion.

Auch "Leb wohl, meine Königin!" lässt sich betrachten wie eine hübsche Bildstrecke: Hochgeschnürte Mieder, prächtige Roben und Perücken erzählen die Charaktere, ohne viel zu verraten. Die Kamera gleitet sanft über Haut und Haar der Modelle, die durch diese unwirkliche Nähe umso entrückter erscheinen. Von der Revolution verstehen sie nichts, und sie kommt im Film auch nicht vor. Im Grunde macht Regisseur Benoît Jaquot mit Versailles, was Gus van Sant in "Elephant" mit einer US-amerikanischen High School gemacht hat: Er vermittelt einen Seelenzustand am Vorabend der Katastrophe. Gerüchte über ein drohendes Unheil bleiben stilles Geflüster, Fluchtpläne versickern in den endlosen Fluren des Schlosses, bis es zu spät ist. Ohne sein historisches Vorwissen wäre man hier so verloren wie die handelnden Figuren.

Diese Realitätsflucht kennzeichnet bis heute jedes untergehende System und bildet insofern einen politischen Kommentar: Von Versailles zur Wall Street ist es gar nicht so weit. Doch Benoîts edle Dekadenzstudie, Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, bietet vor allem eine großartige Schule des Sehens: Wie er eine Traumsequenz so lange ausdehnt, bis man sie als solche nicht mehr wahrnimmt, und mit einem eigentlich ärgerlichen Perspektivwechel die eigenen Mittel demaskiert – das wirkt aufklärerischer als das bloße Bild einer Revolution. Weniger akademisch, aber cineastisch genauso wertvoll ist das atemberaubende Spiel von Hauptdarstellerin Léa Sedoux. Eine fast stumme Beobachterrolle erfüllt sie mit so viel Leben und Leidenschaft, dass einem um Sidonie ernsthaft bange wird. Hoffentlich verliert sie vor lauter Liebe nicht den Kopf.
Philipp Bühler

(Les adieux à la reine) Frankreich, Spanien 2012, Regie: Benoît Jacquot, Regie: Benoît Jacquot, Gilles Taurand nach dem Roman "leb wohl, Königin!" von Chantal Thomas, mit Léa Seydoux, Diane Kruger, Virginie Ledoyen, Xavier Beauvois, Noémie Lvovsky u.a., ab 6, 100 min, Kinostart: 31. Mai 2012 bei Capelight

Foto: © capelight pictures



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