Parabeton – Pier Luigi Nervi und römischer Beton

Eintauchen in Räume

Kinostart: 31.5.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn sich im Fußball die Abwehr hinten reinstellt, heißt es im Reporterjargon, wird Beton angerührt. Beton genießt nicht nur im Sport einen schlechten Ruf. Er ist massiv, schwer und gewinnt selten Schönheitspreise. Ein weit verbreitetes Urteil, das der Filmemacher Heinz Emigholz nicht teilt. Seine Dokumentation "Parabeton - Pier Luigi Nervi und römischer Beton" hat er dem "flüssigen Stein" gewidmet. Es ist das erste Mal, dass sich Emigholz einem großen Architekten der Moderne von seinem Material her nähert. In seinem Werkzyklus "Architektur als Autobiografie" hat er stets das Bauwerk in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen gestellt. Hierfür hat er eine klare, formal strenge Filmsprache entwickelt: unbewegte Einstellungen, gedreht auf 35mm-Filmmaterial, unbearbeiteter Surround-Sound on location, ein Blickfeld, das dem des menschlichen Auges ähnelt und als zentrale Forderung eine "sinnstiftende" Montage. Emigholz spricht von einer imaginären Architektur, die sich im Kopf des Betrachters zusammenfügen soll.

In den Konstruktionen des italienischen Baumeisters Pier Luigi Nervi hat Emigholz eine Kontinuität ausgemacht, die zweitausend Jahre zurückreicht. Im Alten Rom ist die Arbeit mit Beton früh zur Kunstform erhoben worden. Nervi knüpft mit seinen Entwürfen an diese Tradition an, doch hat er die antiken Errungenschaften in die Moderne überführt. Die Dachkonstruktionen der Turiner Ausstellungshallen oder die Sporthalle in Rom sind besonders schöne Beispiele für seine Bauweise. Die kunstvollen, fast filigranen Streben fügen sich zu komplexen Mustern, die in ihrer Leichtigkeit an die schwebenden Trägerkonstruktionen eines Buckminster Fuller erinnern. In den Konferenzräumen des UNESCO-Gebäudes in Paris lässt er Leuchtröhren den Verlauf der Deckenstreben nachzeichnen, so dass es scheint, als ruhten die Decken auf Licht.

Emigholz stellt einen direkten Bezug zu den römischen Baumeistern her, wenn er zwischen den Arbeiten Nervis immer wieder die antiken Ruinen des Alten Rom als Vergleich heranzieht. Die Tonspur, die nicht mehr als die Umgebungsgeräusche während der Aufnahmen wiedergibt, nimmt den Einstellungen ihre Strenge. Das Eintauchen in die Räume ist das erklärte Anliegen von Emigholz. Der Zuschauer soll die Architektur als lebenden Organismus "erfahren"; jedes gesprochene Wort ist überflüsig.
Andreas Busche

Parabeton - Pier Luigi Nervi und römischer Beton, Dokumentarfilm, Deutschland 2012, Buch & Regie: Heinz Emigholz, 100 min, Kinostart: 31. Mai 2012 bei Filmgalerie 451

Foto: © Filmgalerie 451/Heinz Emingholz



Mehr Infos zu "Parabeton - Pier Luigi Nervi und römischer Beton"

"Parabeton - Pier Luigi Nervi und römischer Beton" - die offizielle Filmwebseite (deutsch, englisch)
"Parabeton - Pier Luigi Nervi und römischer Beton" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
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