Snow White & the Huntsman

Das Mädchen und die Männer

Kinostart: 31.5.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Nahezu alle Märchen der Brüder Grimm sind unfassbar düster, sollen jungen Menschen Angst machen und sie warnen vor den Gefahren einer nicht verstehbaren Welt. Nach "Snow White & the Huntsman" jedenfalls wundert man sich gar nicht mehr, warum die bisherigen Verfilmungen etwa von Schneewittchen so harmlos ausfielen. Walt Disneys berühmte Version von 1939 hat die dunklen Stellen keineswegs geleugnet, aber doch verpackt in kindlichen Zeichentrick. Alle späteren Adaptionen, ob "7 Zwerge - Männer allein im Wald" oder erst vor kurzem Tarsem Singhs "Spieglein, Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen", gefielen sich als Parodie dieser Parodie. Rupert Sanders' schaurig-romantisches Fantasy-Epos weckt hingegen den Verdacht, hier sei einer zum Kern vorgedrungen. Der Film ist wirklich sagenhaft düster, morbide und ganz gewiss nichts für Kinder.

Der Traum von ewiger Jugend

Immerhin geht es um eine Hexe. Als böse Königin mit unbegrenzter Macht ist Ravenna (Chalize Theron), schlimmer noch, auch noch Stiefmutter der jugendlichen Heldin. Das sind nahezu alle negativen weiblichen Märchenrollen auf einmal. Schon in den ersten Szenen überfällt Ravenna mit ihrer dunklen Armee das Königreich, heiratet den König, nur um diesen in der Hochzeitsnacht zu töten und die Tochter Snow White (Kristen Stewart) in einen Turm zu sperren. Das steht so nicht im Märchen, aber wer Charlize Theron seit ihrer Oscar®-Rolle in "Monster" alles zutraute, lag richtig: Ihr theatralischer Auftritt als von Schönheits- und Jugendwahn besessene Hexe ist so böse, dass es in diesem völlig humorlosen Film riesigen Spaß macht. Nachdem sie das ganze Land mit Pest und Verwesung überzogen hat, saugt Ravenna auch noch den unschuldigen Mädchen des Landes – ein früher perverser Höhepunkt – die Jugend aus. Bevor es Snow White erwischt, gelingt ihr die Flucht.

Zugegeben, einem an "Twilight" und "Der Herr der Ringe" gestählten Publikum wird dieser weitere Ausflug nach Mittelalter-Fantasy-Land nicht wirklich Angst einjagen. Die Romantik ist vorbei, wir lachen darüber. Und Märchenpsychologie ist nun mal Märchenpsychologie und nichts weiter. Doch Sanders' Ambivalenz zwischen heiligem Ernst und heimlicher Ironie erzeugt einen suggestiven Sog, der zumindest verunsichert: Ist Ravennas panischer Blick in den Spiegel nicht zutiefst menschlich? Hat das Märchen eine psychologische Fallhöhe und Tragik, von der es am Ende selbst nicht weiß?

Dunkle Gestalten im Wald

Schneewittchen ist ein im Grunde unoriginelles Märchen, in dem die Jugend über das Alter siegt. Darum ist es gut, dass Kristen Stewarts Schauspiel mit dem der älteren Kollegin nicht mithalten kann. Sie spielt die Rolle der "Twilight"-Bella einfach noch mal: Snow White gelingt die Flucht in den "dunklen Wald", ein angsteinflößender Morast, in dem ihr seltsame Männergestalten begegnen. Sie sind zwar keine Vampire, aber doch recht bedrohlich. Man begreift schnell, was mit dem "dunklen Wald" eigentlich gemeint ist. Auch fernab der Königin ist die blühende Unschuld in ernster Gefahr!

Schon die Zwerge sind hier keine lustigen Gesellen, denen Schneewittchen wie im Original den Haushalt schmeißt, sondern eine Bande mieser kleiner Punks. Die Schauspielstars hinter den bizarren Masken erkennt man teils erst im Abspann. Zur Begrüßung hängen sie Snow White kopfüber an einen Baum – in der Märchenpsychologie bilden Zwerge als "kleine Männer" Übergangsfiguren, die die junge Frau sanft an ihre künftige Rolle heranführen. Am anderen Ende der Skala steht der Jäger (Chris Hemsworth), der Snow White eigentlich töten soll. Man kennt Hemsworth aus der Machofantasie "Thor", und so spielt er auch. Den eigentlichen Gegenpol zum Jäger bildet die nicht-bedrohliche Männlichkeit des jungen Bogenschützen – er tötet nur auf die Entfernung – William (Sam Clafin), der den strahlenden Königssohn des Märchens mehr schlecht als recht ersetzt.

Schneewittchen im Geschlechterkampf

Aus einem klassischen Initiationsmärchen für junge Mädchen macht der Debütant Sanders einen wilden Rundumschlag zur weiblichen Sexualität. Soviel Mut zur Peinlichkeit ist ebenso bemerkenswert wie die Ambivalenz, die er sich auch hier offen hält. Er bringt es sogar fertig, der heterosexuellen Begehrensmatrix noch etwas entgegenzusetzen: Ein queerer Feenwald mit Hasen, Hirschen, Schmetterlingen und geschlechtslosen Elfenwesen liefert eine bezaubernde Illusion von Unschuld mitten im dunklen Dickicht des Geschlechterkampfs. Die Romantik ist eine düstere Sache, aber den Kitsch darf man dabei nicht vergessen.

Die berühmte US-amerikanische Dichterin Anne Sexton (1928-1974) hat Schneewittchen gehasst. In ihrer Version des Märchens blickt "das dumme Häschen" am Ende selbst in den Spiegel, "wie es Frauen eben tun". Von einer solchen Kritik ist Sanders weit entfernt. In Interviews gibt er an, sich mit seinem Team an der klassischen Psychologie von C.G. Jung und Siegmund Freud orientiert zu haben – wie es Hollywood eben tut, und zwar schon immer. Seine Modernisierung besteht darin, dass Snow White ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen muss. Und leider muss man sagen, dass dieser Teil am wenigsten überzeugt. Stark hingegen ist "Snow White & the Huntsman" als konsequente Dramatisierung jener Konflikte, die das Märchen unterschlägt: Natürlich braucht Snow White nicht bloß irgendeinen starken Mann, sondern eine ganze Armee. Schließlich geht es um ein Königreich! Dass der Film dadurch aussieht wie viele Fantasyfilme vor ihm, ist nicht weiter tragisch. Ein paar Spezialeffekte hätte sich Sanders, gelernter Computergrafiker, zwar sparen können. Aber die Kostüme sind allererste Sahne: Lederne Fetischklamotten in einem Sumpf aus Sex, Sadismus und Gewalt – die Grimms haben wohl wirklich nicht gewusst, was sie da verfasst haben.

Snow White & the Huntsman, USA 2012, Regie: Rupert Sanders, Buch: Evan Daugherty, John Lee Hancock, Hossein Amini, mit Kristen Stewart, Charlize Theron, Chris Hemsworth, Sam Claflin, Ian McShane, Bob Hoskins u.a., ab 12, 127 min, Kinostart: 31. Mai 2012 bei Universal

Fotos: © Universal Pictures

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



Mehr Infos zu "Snow White & the Huntsman"

"Snow White & the Huntsman" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "Snow White & the Huntsman"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Snow White & the Huntsman" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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