Wird ohne Energiesparlampen die Welt besser?

Verschwörungstheorien um die Energiesparlampe

31.5.2012 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wer "Bulb Fiction" sieht, den treibt es anschließend unweigerlich nach Hause, um sofort alle Energiesparlampen zu entsorgen. Der Dokumentarfilmer Christoph Mayr will alle unsere Vorurteile über die Lampen mit dem hässlichen Licht bestätigen und auch noch mit "Bulb Fiction" eine große Verschwörung aufdecken. Folgt man seinem Film, dann ist das Verbot der klassischen Glühbirne nicht nur undemokratisch zustande gekommen und diente allein den Umsatzinteressen der Lichtindustrie, sondern ist auch ökologisch unsinnig. Zudem käme noch ein Quecksilber-Entsorgungsproblem hinzu, dessen Folgen nicht absehbar sind. Aber: Ist da was dran? Oder handelt es sich nur um eine paranoide Theorie? Wir fragen Dr. Dietlinde Quack, 46. Die Diplom-Biologin schrieb ihre Doktorarbeit über Niedrigenergiehäuser und ist seit 1999 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am unabhängigen Öko-Institut in Freiburg tätig. Ihr Forschungsschwerpunkt: "Nachhaltiger Konsum und Produkte".

fluter.de: Frau Quack, wie viele Energiesparlampen haben Sie in Ihrer Wohnung?

Dr. Dietlinde Quack: Ich habe extra einmal nachgezählt: Es sind genau 15 Energiesparlampen, außerdem zwei LED-Lampen und zwei Halogenlampen.

Keine einzige klassische Glühbirne mehr?

Nein, keine einzige, abgesehen von Spezialanwendungen wie im Backofen.

Hatten Sie, nachdem Sie "Bulb Fiction" gesehen haben, das Bedürfnis, alle Lampen aus den Fassungen zu schrauben und schnellstmöglich zu entsorgen?

Gar nicht. Ich bin da immer noch ganz entspannt.

Das sieht nicht jeder so. Den Filmemachern von "Bulb Fiction" zufolge leben Menschen, die ihre Wohnung mit Energiesparlampen beleuchten, in ständiger Gefahr. Können Sie diese Menschen beruhigen?

Ich kann nicht nachvollziehen, dass der Film solch eine extreme Aussage trifft. Ich finde, der Film ist sehr suggestiv.

Gefährlich ist angeblich vor allem das Quecksilber, das in Energiesparlampen verbaut ist.

Sicher ist Quecksilber ein gefährliches Gift, aber die Mengen in den Lampen sind minimal. Der zulässige Grenzwert liegt bei fünf Milligramm pro Lampe. Zum Vergleich: In den alten, mittlerweile nicht mehr erlaubten Quecksilber-Fieberthermometern war bis zu einem Gramm Quecksilber. Das Umweltbundesamt sagt: Sollte tatsächlich eine Lampe kaputtgehen und man lüftet entsprechend, ist die Belastung sehr schnell ungefährlich. Von Lebensgefahr kann keine Rede sein.

Werden die Quecksilber-Grenzwerte für Energiesparlampen ausreichend überprüft?

Bei der Marktüberwachung, für die die Bundesländer verantwortlich sind, sehen wir tatsächlich noch Mängel. Die Behörden überprüfen zu selten, ob die Lampen den Grenzwert einhalten.

Ist die Entsorgung des Quecksilbers überhaupt gewährleistet?

Die Frage ist allerdings, ob die Lampen überhaupt beim Recycling landen.

Genau. Der Film behauptet, dass schon die Studie, die zum Quasi-Verbot der Glühlampe durch die EU geführt hat, davon ausging, dass 80 Prozent der Energiesparlampen nicht ordnungsgemäß entsorgt werden.

Das bezieht sich auf den privaten Bereich. Bei Lampen im gewerblichen Bereich, in der Industrie etwa, geht die Studie von einem 90-prozentigen Rücklauf aus. Aber im privaten Bereich landen zu viele Lampen im Hausmüll, das ist wahr. Hoffentlich bessert sich die Lage, weil der Drogeriemarkt dm mit seinem gut ausgebauten Filialnetz seit dem vergangenen Jahr ausgediente Energiesparlampen genauso annimmt wie bisher Batterien.

Was passiert mit dem Quecksilber aus den Lampen, die im Hausmüll landen?

Bei uns wird der Hausmüll verbrannt und Müllverbrennungsanlagen sind mit guten Filteranlagen ausgestattet. Das Quecksilber wird ausgefiltert und landet nicht im Grundwasser.

Ein weiterer Vorwurf: Es ist nicht ausreichend erforscht, ob das eingeschränkte Lichtspektrum der Energiesparlampen oder auch der Elektrosmog, den sie verursachen, nicht gefährlich für die menschliche Gesundheit und Psyche sein könnte. Ist da etwas versäumt worden?

Ich denke nicht. Im Vorfeld der Ökodesign-Richtlinie ...

Der EU-Verordnung, die die alte Glühlampe aus Energieeffizienzgründen aus dem Verkehr zieht ...

Genau, bevor die Ökodesign-Richtlinie 2009 beschlossen wurde, wurde geprüft auf alle Beweise oder auch Hinweise, dass Energiesparlampen gefährlich seien. Sollten die Lampen tatsächlich einen direkten gesundheitlichen Effekt haben, wäre das sicher schon früher aufgefallen. Energiesparlampen sind nichts anderes als kleine, gebogene Leuchtstoffröhren, die seit Jahrzehnten in Gebrauch und zum Beispiel in Südeuropa sehr verbreitet sind. Auch, ob Elektrosmog die Gesundheit beeinflusst, wurde in Zusammenhang mit Handys heiß diskutiert, ist aber wissenschaftlich nicht erwiesen.

Ein Umweltökonom im Film sagt, das Glühlampenverbot sei "reine Symbolpolitik", die Energieeinsparung sei gar nicht so stark wie behauptet.

Die Energieeinsparung ist markant. Immerhin verbrauchen Energiesparlampen in der Regel nur ein Fünftel des Stroms einer vergleichbaren Glühlampe. Zudem wird bei der Verstromung von Kohle auch Quecksilber freigesetzt. Wir haben ausgerechnet: Selbst wenn bei einer Energiesparlampe das Quecksilber vollständig in die Umwelt gelänge, wäre das immer noch weniger Quecksilber als das, was freigesetzt wird, wenn man den eingesparten Strom herstellen müsste mit dem Kohleanteil, den es im Moment noch bei der Stromerzeugung bei uns gibt.

Hält die Energiesparlampe überhaupt, was die Hersteller versprechen, zum Beispiel dass die Lebensdauer sehr viel länger sei als die der Glühbirnen?

Ich würde empfehlen Marken-Lampen zu kaufen, keine Billigware aus dem Baumarkt. Denn da hat der Film doch recht: Es gibt tatsächlich Schwankungen in der Lebensdauer.

Der Film behauptet außerdem, dass die Lichtindustrie nicht nur die Politik und den Verbraucher, sondern auch Greenpeace übertölpelt hat: Vom Verbot der Glühbirne profitiert aber nur die Lichtindustrie, der die Einführung der Energiesparlampen einen Boom beschert. Was ist dran an dieser Verschwörungstheorie?

Davon halte ich nichts. Es gibt keine Verschwörung. Man muss nur die Frage stellen, wer tatsächlich vom Glühlampenverbot profitiert hat. Der Zuwachs von Energiesparlampen ist aber gar nicht so groß. Die Energiesparlampe hat in Deutschland momentan einen Marktanteil von ungefähr 20 Prozent, das ist kein Boom. Aber die Energiesparlampe ist eine Brückentechnologie. Der Boom wird erst mit den LED-Lampen kommen.

Ist die LED-Leuchte tatsächlich die Lösung?

Sicherlich ist sie nicht die Lösung aller Probleme, aber doch einiger. Mit der LED-Lampe und zukünftig der OLED-Technologie entstehen neue Beleuchtungskonzepte. Die LED-Lampe ist nicht nur sparsamer als eine Glühbirne, sie ist auch problemlos in der Entsorgung. Sie ist am Ende ihres Lebens zwar Elektroschrott, aber ebenso wenig giftig wie ein Bügeleisen, das auch entsorgt werden muss. Und das Lichtspektrum ist nicht nur ähnlich kontinuierlich wie das der Glühlampe, sondern soll dem der Sonne sogar noch ähnlicher sein.

Thomas Winkler hat tatsächlich die Energiesparlampen abgeschafft und probiert jetzt neueste LED-Technik im Garten aus.

Fotos: © Thimfilm



Mehr Informationen zu "Bulbfiction"

"Bulb Fiction" - die offizielle Filmwebseite

Informationen der Europäischen Kommission zum Thema Energieeffizienz





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