Archipelago

Emotionale Festungen

Kinostart: 24.5.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein Archipel ist eine Gruppe von Inseln, die unter Wasser miteinander verbunden sind. Getrennt und doch vereint. Für die Familie in Joanna Hoggs zweitem Spielfilm "Archipelago" gilt eher das Gegenteil. Die ist zwar in einem Landhaus auf einer Inselgruppe vor der englischen Küste versammelt, ist aber nicht zur Kommunikation fähig. Gefeiert werden soll der Abschied von Sohn Edward, der für ein Freiliwilliges Jahr nach Afrika geht. Die Stimmung ist von Beginn an angespannt. Edwards Schwester Cynthia reagiert mit spitzen Bemerkungen auf die Pläne ihres Bruders; die Mutter verharrt hilflos zwischen Cynthias Aggressivität und der Gutmütigkeit ihres Sohnes. Insgeheim wartet sie auf den Vater, der in den Erzählungen der Kinder nach einem Familienoberhaupt alter Schule klingt – wobei allein in Edwards Worten ein kritischer Unterton zu vernehmen ist. Die Frauen haben sich klaglos in die patriarchalen Strukturen der Familie eingefügt oder reproduzieren sie gleich selbst. Keiner ist, abgesehen von Cynthias Ausbrüchen, zu einer echten emotionalen Regung fähig. Also zieht sich die Mutter immer weiter zurück und hofft auf die Ankunft des Vaters, der die anderen am Telefon wiederholt vertröstet. Die Lage spitzt sich allmählich zu.

Hogg beobachtet diesen Psychokrieg aus großer Distanz. Dabei beweist sie ein gutes Gespür für die sozialen Gepflogenheiten der englischen Mittelklasse. Auch wenn Mutter und Tochter ihre persönlichen Differenzen haben, verbünden sie sich gegen die Köchin, die von Edward wie selbstverständlich als gleichwertiges Mitglied der Gemeinschaft angenommen wird. Das sorgt für Unmut. "Archipelago" beschreibt die Familie als fragiles soziales Gefüge, in dem nicht mehr als nötig gesprochen wird und jedes falsche Wort eine Kettenreaktion von Vorwürfen und Anfeindungen auslösen kann. Edward bewegt sich wie ein Kind zwischen den emotionalen Festungen von Mutter und Schwester. Immer deutlicher wird, wie sehr er selbst an seinem Entschluss, nach Afrika zu gehen, zweifelt. Zum Ausbruch mangelt es ihm an Mut. Je mehr der Druck der Familie steigt, desto größer werden die Zweifel, sich von ihr abzukoppeln. Hogg ist eine genaue Beobachterin solcher zwischenmenschlicher Dynamiken, doch "Archipelago" leidet auch unter seiner Geschlossenheit. Kein Fluchtweg führt aus diesem Psychokammerspiel heraus. Am Anfang und am Ende landet ein Hubschrauber, das ist alles. Die zwei Stunden dazwischen fühlt man sich mit einem Haufen von gestörten Engländern allein gelassen.
Andreas Busche

Archipelago, Großbritannien 2010, Buch & Regie: Joanna Hogg, mit SChristopher Baker, Kate Fahy, Tom Hiddleston, Lydia Leonard, Amy Lloyd u.a., OmU, 114 min, Kinostart: 24. Mai 2012 bei Fugu

Foto: © Fugu



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