Ein ruhiges Leben

Man spricht deutsch

Kinostart: 24.5.2012 | Jörn Hetebrügge | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Eine deutsche Ehefrau, ein kleiner Sohn, ein gut gehendes Restaurant im beschaulichen Rheinhessen: 15 Jahre nachdem er seine italienische Heimat verlassen hat, ist Rosario Russo in Deutschland nicht nur längst "angekommen", er hat auch mit seinem früheren Leben abgeschlossen – das glaubt der beliebte Gastronom jedenfalls. Doch dann tauchen eines Tages zwei junge Landsleute auf und bitten um Unterkunft. Und Rosario muss nicht nur erkennen, dass es sich bei einem der Männer um seinen Sohn Diego handelt, den er einst in Italien zurückließ und seiner neuen Familie verschwiegen hat, sondern auch, dass Diego in seine Fußstapfen getreten ist. Denn was niemand ahnt: Früher war Rosario Mafiakiller. Und nun ist sein Sohn nach Deutschland gekommen, um im Auftrag der Camorra den Manager einer Müllentsorgungsfirma zu liquidieren.

Ein scheinbar ganz normaler Familienvater wird von seiner Vergangenheit als Killer eingeholt. Fürs amerikanische Genrekino ist das ein archetypischer Stoff. David Cronenberg etwa hat ihn in "A History of Violence" (2005) bearbeitet – in einem faszinierenden Film, der vom gewaltsamen Kern der amerikanischen Identität erzählt. Dass Claudio Cupellini nun eine ganz ähnliche Story in Deutschland ansiedelt und einen italienischen Einwanderer ins Zentrum stellt, erscheint zwar ungewöhnlich, aber von vornherein erst einmal nicht unplausibel: Das noch frisch erinnerte Massaker von Duisburg beweist schließlich, dass Camorra, 'Ndrangheta & Co. auch hierzulande vor Blutbädern nicht zurückschrecken.

Das Wissen um reale Mafiamorde in Deutschland verhindert allerdings nicht, dass das Geschehen in "Ein ruhiges Leben" nur selten Glaubwürdigkeit gewinnt. Eine beträchtliche Mitschuld daran trägt die absurde Entscheidung des Verleihs, die italienisch sprechenden Darsteller zu synchronisieren. Das führt im Film etwa dazu, dass ein neapolitanischer Unterschichtenkiller in fließendem Deutsch, dabei aber auf landestypische Weise gestikulierend, eine hessische Provinzschönheit umgarnt – die wiederum meint, ihm selbst einfachste deutsche Vokabeln erklären zu müssen.

Doch auch jenseits der haarsträubenden Synchronisationspraxis sind Schwächen unübersehbar: So ist nicht nur Juliane Köhler in ihrer Rolle als zeternde Ehefrau glatt verschenkt. Der Film offenbart auch kaum ein Interesse am Milieu, in dem sich der Protagonist bewegt – geschweige denn an der Frage, wie es Rosario gelingen konnte, sich dort so erfolgreich zu integrieren. Dem Aufeinanderprallen der Lebenswelten und Mentalitäten entlockt Claudio Cupellini kaum mehr als ein paar Klischees. Was bleibt, ist eine Vater-Sohn-Geschichte, die trotz des dramaturgischen Ballasts, den sie mit sich schleppt, nur wenig Kraft entwickelt.
Jörn Hetebrügge

(Una vita tranquilla) Italien, Frankreich, Deutschland 2010, Regie: Claudio Cupellini, Buch: Filippo Gravino, Guido Iuculano, Claudio Cupellini, mit Toni Servillo, Marco D'Amore, Francesco Di Leva, Juliane Köhler, Leonardo Sprengler u.a., ab 12, 105 min, Kinostart: 24. Mai 2012 bei farbfilm

Foto: © farbfilm



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