Moonrise Kingdom

Eine ganz große Liebe

Kinostart: 24.5.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es dauert keine ganze Szene, nein, eigentlich nur wenige Einstellungen und man fühlt sich in Wes Andersons Kinokosmos wieder überaus vertraut. Seine Filme wirken schließlich wie unregelmäßige Besuche beim Lieblingscousin, der immer viel zu enge Cordanzüge trägt und sich auch mit Mitte 40 noch hartnäckig weigert, wirklich erwachsen zu werden. Wie ein Ausflug zu einem spleenigen Sonderling, dessen Haus bis unter die Decke vollgestopft ist mit spannenden, aufregenden Dingen und der bei jedem Besuch ein neues Türchen zu einem weiteren, unerforschten Zimmer öffnet. Mal führte das in den Stop-Motion-Kosmos von "Der fantastische Mr. Fox", mal zum schrägen Familienclan der "Royal Tenenbaums". Und hinter der Tür zu seinem aktuellen Film "Moonrise Kingdom" verbirgt sich nun die kleine und bis auf den Polizeiwagen autofreie Insel New Panzance an der Küste Neuenglands.

Odyssee zweier Außenseiter

Es ist das Jahr 1965. Drei Tage, bevor ein großer Sturm die Insel treffen soll. Und der Tag, an dem die zwei verliebten, 12-jährigen Sam Shakusky (Jared Gilman) und Suzy Bishop (Kara Hayward) zusammen durchbrennen. Der verwaiste, putzige Nerd mit großer Brille, der von Pflegeeltern großgezogen wurde, will kein Pfadfinder mehr sein und türmt aus dem Camp, wo ihn die anderen Jungs ohnehin nicht sonderlich mögen. Und die Anwaltstochter im altrosa Kleid, die mit ihren dunkel umrandeten Augen sehr melancholisch ins Leben guckt und gern Platten von Francoise Hardy hört, möchte nur zu gern weg von ihrer Familie. Nachdem sich die beiden bei einer Theateraufführung kennengelernt hatten und sich danach für einige Zeit Briefchen schrieben, machen sie sich nun gemeinsam auf den Weg durch die recht gezähmte Wildnis und landen an einem Ort, der auf der Karte nur ganz sachlich als "Mile 3.25 Tidal Inlet" bezeichnet wird.

Für Sam und Suzy trägt dieser kleine Küstenstreifen im Nirgendwo allerdings den poetischen Namen "Königreich des Mondaufgangs". Er ist ihr geheimes Paradies, wo die beiden Ausreißer ihr Zelt aufschlagen, ins Wasser springen, lustig herumtanzen und sich näher kommen, bevor am nächsten Morgen Suzys Eltern, der Leiter des Pfandfinderlagers und der Inselpolizist vor ihrem Camping-Zelt auftauchen. Sie umarmen und küssen sich, auch ein bisschen mit Zunge. Und Sam bekommt eine Erektion, was Suzy allerdings nicht weiter stört. Angesichts des Alters der beiden Protagonisten können diese frühreifen Erforschungen durchaus ein wenig irritieren – vielleicht auch durch den unschuldig kindlichen Blick, mit dem Anderson auf diese Szenen und seine ganze Außenseiter-Odyssee schaut. Doch die Kinder wirken hier ohnehin deutlich erwachsener als die Erwachsenen selbst.

Aufgeregte Erwachsene

Letztere müssen sich hier – auch wenn sie teils bekannte Hollywoodstars sind – zudem damit abfinden, nur die aufgeregte, zweite Geige spielen zu dürfen. Edward Norton ist der korrekte Leiter des Pfadfinderlagers. Bill Murray, der bislang in jedem Anderson-Film seit "Rushmore" (1998) aufkreuzte, gibt den Familienvater mit Plauze und gewohnt trockenem Witz, der sich in seinem Frust eine Axt schnappt und einen Baum zum Umhacken sucht. Und Frances McDormand ist das besorgte Muttergegenstück dazu, das nebenbei eine Affäre mit dem gutherzigen Inselpolizisten hat, mit dem Bruce Willis sein hartgekochtes Actionhelden-Image sehr spaßig unterspielt.

Ganz nebenbei fusioniert Anderson derweil in seinem Film eine ganze Reihe unterschiedlicher Genres: "Moonrise Kingdom" erzählt die Geschichte einer ersten Liebe, ist wie jeder Anderson-Film aber auch ein (Ersatz-)Familiendrama und obendrein noch ein Abenteuerfilm und dessen Parodie zugleich. Ja, gegen Ende baut er sich sogar zur Miniatur-Katastrophenaction auf – inklusive Blitzschlag und Showdown auf einem sturmumtosten Kirchturm, auf dem Sam und Suzy auf ihrer Flucht vor der Frau landen, die einfach nur "Jugendamt" (Tilda Swinton) genannt wird und Sam ins Heim stecken will.

Ein bitter-süßer Kinderliebesfilm

So komisch die Turbulenzen oft sind, so traurig ist "Moonrise Kingdom" im Kern, erzählt er doch von einigen einsamen, "emotional gestörten" Seelen in diesem Astrid-Lindgren-Idyll, denen Anderson letztlich aber voller Mitgefühl einen Rettungsring zuwirft. Hatte man in seinen Filmen bislang bisweilen durchaus den Eindruck, auf sein schräges Personal wie in bewegten Schaukästen immer mit einer gewissen emotionalen Distanz durch eine Plexiglasscheibe zu schauen, ist das hier anders. Diesmal kommt man vor allem den beiden jungen Protagonisten so nah wie sonst kaum in einem Werk des US-Regisseurs.

Dessen Stil allerdings ist nach wie vor unverkennbar: Während einer von Suzys jüngeren Brüdern gleich zu Anfang des Films Benjamin Britten auf den portablen Plattenspieler legt und dessen "Orchesterführer für junge Leute" erklärt, streift die Kamera durch einen Querschnitt des Hauses der Familie Bishop so wie einst durch das U-Boot von Meeresforscher Steve Zissou in "Die Tiefseetaucher". Doch die erste Vermutung, dass der Regisseur mittlerweile beim langweiligen Selbstzitat angekommen und in seiner Eigenwilligkeit erstarrt sein könnte, erledigt sich schnell. "Moonrise Kingdom" entwirft seine artifiziell überhöhte Wirklichkeit nicht nur wieder mit dieser typischen absurd lakonischen Melancholie, sondern auch mit sorgfältig durchdachten Kompositionen, in denen die genauestens eingegrenzten Bildausschnitte vor hinreißenden, komischen und mit viel Liebe arrangierten Details schier überlaufen und an denen man sich so schnell nicht satt sehen kann. Anderson bleibt dabei der verspielte Indiefilm-Kindskopf, der mit "Moonrise Kingdom" im Grunde einen klugen, exzentrischen, bitter-süß nostalgischen und einfach schönen Kinderfilm gedreht hat – wenn auch einen, an dem vor allem Erwachsene ihr Vergnügen haben werden.

Moonrise Kingdom, USA 2012, Regie: Wes Anderson, Buch: Wes Anderson, Roman Coppola, mit Jared Gilman, Kara Hayward, Bruce Willis, Edward Norton, Bill Murray, Tilda Swinton, Frances McDormand u.a., ab 12, 97 min, Kinostart: 24. Mai 2012 bei Tobis

Fotos: © TOBIS Film

Sascha Rettig ist Filmjournalist und lebt in Berlin.



Mehr Infos zu "Moonrise Kingdom"

"Moonrise Kingdom" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "Moonrise Kingdom"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Moonrise Kingdom" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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