Der Diktator

Von Wadiya nach New York

Kinostart: 17.5.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Kaum ein Komiker ist wohl so furchtlos wie Sacha Baron Cohen. Seine entfesselten Brachialkomödien "Borat" und "Brüno" waren Trips in Gefahrenzonen, in denen er mit seinen bewusst aus den gröbsten schwulen oder kulturellen Klischees entworfenen Kunstfiguren auf Konfrontationskurs ging. Mit seinen herausfordernden Attacken entlarvte er auf höchst komische Weise die Lächerlichkeiten seiner Gegenüber und vor allem reihenweise Vorurteile, die nicht nur durch US-amerikanische Köpfe schwirren. Nun lässt er mit "Der Diktator" seine neueste Kreation los: den größenwahnsinnigen, idiotischen, selbstherrlichen, arglosen, rücksichtslosen, schwer reichen Despoten General Admiral Aladeen aus dem fiktiven Wüstenstaat Wadiya, der in einer Mischung aus Saddam Hussein, Gaddafi und Kim Jong-Il als so etwas wie ein groteskes Diktatoren-Best-Of daherkommt.

Trotz der neuen Kunstfigur und der nach wie vor intakten Lust am geschmacklosen Provo-Humor hat sich im Vergleich zu den beiden Vorgängerfilmen doch etwas verändert. Diesmal gibt es keinen Mockumentary-Style, keine verunsichernde Verwischung zwischen Realem und Inszeniertem und keine Konfrontationen. "Der Diktator" hatte ein Drehbuch und überrascht damit, dass es sich über weite Strecken um eine ziemlich konventionell aufgebaute Fish-out-of-Water-Komödie mit, nun ja, einem romantischen Einschlag handelt. So wird der Schreckensherrscher Aladeen, der nichts lieber als eine Atombombe hätte, jäh aus seinem sorglosen Diktatoren-Dasein gerissen, als er in die USA fährt, um vor den Vereinten Nationen eine Rede zu halten. Durch widrige Umstände landet er jedoch ohne Kleidung, Geld und Vollbart auf den Straßen New Yorks und im veganen, feministischen Kollektiv der politisch überkorrekten Zoe, während sein Doppelgänger, ein trotteliger Ziegenhirte, nicht gerade zu seiner Begeisterung seine Diktatoren-Rolle übernimmt.

Während sich Cohen dabei den (Größen-)Wahnsinn, die billige Propaganda und Exzentrik bekannt berüchtigter Schreckensherrscher vornimmt, feuert er erwartungsgemäß schmerzlos über sämtliche Grenzen hinweg. Wie sehr allerdings die Unberechenbarkeit durch Konfrontation fehlt, zeigt eine Szene, in der Aladeen und sein Raketeningenieur mit einem Touristenpaar in einem Hubschrauber sitzen, sich auf Arabisch unterhalten und mit Stichworten wie "Osama", "9/11 2012" und "Explosion" extreme Paranoia bei den amerikanischen Mitfliegenden erzeugen. Mit Cohens vorherigen Kamikaze-Aktionen im Hinterkopf verliert solch eine Szene in einer Spielfilminszenierung an Aussagekraft und Wahnwitz.

"Der Diktator" hat aber dennoch ein paar größere Augenblicke. Einmal zählt Aladeen auf, welche Vorteile aus seiner Sicht die USA hätten, wenn sie eine Diktatur wären: Ein winziger Prozentsatz der Bevölkerung besitzt einen großen Teil des Gesamtvermögens! Keine Krankenversorgung für die Armen! Ungestraftes Foltern von ausländischen Gefangenen! Die Beispiele, die er dafür nennt, sind in den USA allesamt Realität. So zielgerichtet, klug und böse fällt die Satire hier leider viel zu selten aus. Und obwohl darüber hinaus auch die Ebene der Entlarvung diesmal völlig fehlt, funktioniert "Der Diktator" doch ziemlich gut als eine gemeine Geschmackloskomödie, die mal clever, sehr oft pubertär, meist provozierend derb ist und nicht selten auf sehr unterhaltsame Weise alles zugleich.
Sascha Rettig

(The Dictator) USA 2012, Regie: Larry Charles, Buch: Sacha Baron Cohen, Alec Berg, David Mandel, Jeff Schaffer, mit Sacha Baron Cohen, Anna Faris, Ben Kingsley, John C. Reilly, Megan Fox, Jason Mantzoukas u.a., 83 min, Kinostart: 17. Mai 2012 bei Paramount

Foto: © Melinda Sue Gordon/2012 Paramount Pictures. All Rights Reserved



Mehr Infos zu "Der Diktator"

"The Dictator" - die offizielle Filmwebseite (deutsch)
Die deutsche Webseite zu "Der Diktator"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Der Diktator" auf filmz.de




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