Die Farbe des Ozeans

Not im Urlaubsparadies

Kinostart: 17.5.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mitte April sorgte ein gemeinsamer Vorschlag des deutschen Innenministers Hans-Peter Friedrich (CSU) und seines damaligen französischen Amtskollegen Claude Guéant für Unruhe: "Als ultima ratio und für einen begrenzten Zeitraum" solle es den Ländern des Schengen-Raumes erlaubt sein, Grenzkontrollen wieder einzuführen. Friedrich und Guéant reagierte damit auf die wachsenden Probleme, die insbesondere Italien und Griechenland mit der - aufgrund der Umwälzungen des Arabischen Frühlings und der Krise in Syrien - steigenden Anzahl von Flüchtlingen und Asylsuchenden haben und, damit zusammenhängend, mit der Sicherung ihrer EU-Außengrenzen. 2011 seien, so das Uno-Flüchtlingshilfswerk, 58.000 Menschen auf dem Seeweg und 55.000 auf dem Landweg illegal in die EU eingereist. 1.500 Bootsflüchtlinge seien im Mittelmeer ums Leben gekommen.

Dazu fallen einem die in den Nachrichten regelmäßig wiederkehrenden Meldungen von auf dem Meer aufgebrachten, hochseeuntauglichen Fischerbooten ein, überladen mit dehydrierten Afrikanern. Und die Berichte, die im vergangenen Jahr auf die katastrophalen Zustände auf der italienischen Insel Lampedusa aufmerksam machten, deren Auffanglager aus allen Nähten platzten. Den Vorschlag der beiden Minister konterte Amnesty International mit dem Hinweis, was Italien und Griechenland bräuchten, sei nicht noch mehr Druck, sondern Solidarität und Hilfe im Umgang mit den Flüchtlingen.

Facetten der Flüchtlingsproblematik

Solidarität und Hilfe. Ja, klar. Das ist aber nicht nur auf der Ebene der großen Politik schnell leichter gesagt als getan. Das ist auch ziemlich schwierig, wenn man selbst unmittelbar betroffen ist. So wie Nathalie, eine der Figuren in Maggie Perens "Die Farbe des Ozeans", der sich dem Problem, das die afrikanischen Bootsflüchtlinge insbesondere für die Mittelmeerstaaten darstellen, aus der Sicht der betroffenen Europäer annähert und dabei verschiedene individuelle Blickwinkel einander kontrastiert.

Es hatte ein entspannter Silvesterurlaub auf Gran Canaria werden sollen. Nathalie (Sabine Timoteo) ist vorausgeflogen und wartet nun auf Paul, ihren Freund, der zu Hause noch berufliche Verpflichtungen hat. Doch als sie eines Morgens vom Schwimmen an den Strand zurückkommt, findet sie dort zahlreiche gestrandete Menschen und ein Boot – und einer der erschöpften Männer bittet sie um Wasser für seinen ohnmächtigen Sohn. Nathalie denkt nicht lange nach. Sie läuft los, um etwas zu trinken zu besorgen. Als sie zurückkommt, ist bereits die Polizei eingetroffen und der junge Beamte José (Álex González) fordert sie höflich auf, den Strand zu verlassen, er und seine Kollegen hätten die Lage im Griff. Er sagt das so, dass man merkt, dass diese Lage ihm lange schon sehr gegen den Strich geht. Dass er das Elend, das seinen Beruf bestimmt, leid ist. José muss die überlebenden Flüchtlinge ins Auffanglager bringen, dort befragen und im Fall des Falles wieder zurückschicken.

Doch nicht nur in seinem Beruf geht es trostlos zu, auch das trostlose Junkie-Schicksal seiner Zwillingsschwester Marielle zehrt an José. So sehr, dass er sein Herz verschlossen hat, zynisch, ungeduldig und ungerecht geworden ist. Die schwarzen Fremden hält er allesamt für Wirtschaftsflüchtlinge, die den Spaniern Arbeit und Geld wegnehmen, die lügen und betrügen, wo sie gehen und stehen. José ist ein Rassist aus Angst, wie er im Buche steht.

Ein filmisches Planspiel

In ihrem Bemühen möglichst viele Facetten der sogenannten Flüchtlingsproblematik abzudecken, geht Peren in "Die Farbe des Ozeans" mitunter etwas arg schematisch vor. Ihre Figuren sind weniger Charaktere als Meinungsträger, die in einem deutlich konstruierten filmischen Planspiel bestimmte Funktionen zu übernehmen haben. So wie Paul, Nathalies Freund: Er ist die Stimme der Vernunft, der, nachdem er entschlossen urlaubsreif auf der Insel angekommen ist, nichts von den Sorgen seiner aufgewühlten Freundin hören will. Gönnerhaft hält er ihr einen Vortrag über die globalen Zusammenhänge zwischen dem Wohlstand Europas und dem Elend Afrikas. Paul (Friedrich Mücke) legitimiert damit nicht nur seine eigene Passivität, er will auch Nathalie auf Linie bringen, letztlich aus Feigheit. Während also Paul für rationalisierte Ohnmacht angesichts globaler Unrechtsstrukturen und Vertrauen in die Lösungskompetenz staatlicher Stellen steht, verkörpert Nathalie unmittelbare Betroffenheit und naive Hilfsbereitschaft. Gepaart mit einem gerüttelt Maß an schlechtem Gewissen angesichts des Wohlstandsgefälles, das ihr die Begegnung mit Zola und Mamadou, dem Mann und dem Jungen vom Strand, vor Augen führt.

Als Zola (Hubert Koundé), der inzwischen mit Mamadou aus dem Auffanglager geflohen ist, Nathalie kontaktiert und um Hilfe bittet, gibt sie ihm Geld und richtet damit großes Unheil an. Denn illegale Migration ist nicht zuletzt auch ein kriminelles Geschäft – und ein eben solches wittert ein vermeintlich hilfsbereiter Schlepper.

Ohnmacht und Ignoranz

Man sieht, Peren lässt in "Die Farbe des Ozeans" keine Facette aus, ihr Drehbuch bietet allen Seiten Platz und spiegelt diese zudem recht geschickt in den Augen Mamadous, des kleinen Jungen, ohne diesen ans Klischee zu verraten. Mamadou ist von den Ereignissen, in die er sich gestürzt sieht, einfach nur so überfordert, wie das von einem Siebenjährigen zu erwarten ist. Seine Reaktionen bewegen sich auf fundamentaler Ebene: Er hat Durst, er hat Hunger, er ist müde, er fürchtet sich. Das Strapaziöse seiner Entwurzelung macht sich jedoch in seinem Schweigen, seiner Ruhe, dem abwartenden Blick bemerkbar. Darin, dass er nicht lacht, nicht lächelt, nicht herumtobt – und auch nicht weint oder schreit. Es ist nicht zu übersehen, dass Mamadou ein Kind ist, das um seine Kindheit betrogen wird. Weil José nichts von ihm und seinem Vater wissen will, weil Paul sich nicht einmischen will, weil Nathalie mit ihrem Hilfebemühen alleingelassen wird. Weil jeder für sich ohnmächtig bleibt und Veränderung nur gemeinsam geht.

"Die Farbe des Ozeans" mag kein meisterlicher Film sein, er ist aber einer, in dem gut gemeint nicht zugleich das Gegenteil von gut gemacht bedeutet. Weil das spürbare Engagement der Beteiligten für die Sache über so manche Holprigkeit nicht bloß hinweghilft, sondern sie vergessen macht. Schließlich gibt es wichtigeres als formalistisches Gemäkel.

Die Farbe des Ozeans, Deutschland 2011, Buch & Regie: Maggie Peren, mit Sabine Timoteo, Hubert Koundé, Alex Gonzalez, Friedrich Mücke, Nathalie Poza u.a., ab 12, 97 min, Kinostart: 17. Mai 2012 bei Movienet

Fotos: © Movienet

Alexandra Seitz ist Filmkritikerin und lebt in Berlin.



Mehr Infos zu "Die Farbe des Ozeans"

"Die Farbe des Ozeans" - die offizielle Filmwebseite
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