Jean Tinguely

Gegen den Stillstand

Kinostart: 17.5.2012 | Susanne Sitzler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Seine Maschinen stinken, lärmen, rauchen, spucken Wasser oder explodieren und zerstören sich selbst. Wie seine Kunst war auch der Mensch Jean Tinguely stets in Bewegung. Tinguely liebte das Leben, die Freiheit, die Frauen und schnelle Autos. Ein Ausnahmekünstler aus der Schweiz, dem eine beispiellose Karriere gelang, auch wenn man seine Kunst gerade in seiner Heimat erst spät akzeptierte.

Geboren 1925 in Fribourg zog es ihn 1952 nach Paris. Er lernte die Pariser Kunstszene kennen und 1955 waren seine ersten kinetischen Reliefs und Maschinen in der Ausstellung "Le Mouvement" zu sehen. 1959 provozierte er mit seinen "Méta-Matics" – Maschinen, die malen können und eigene Kunst produzieren. Eine Kritik am Kunstverständnis und Kunstbetrieb der damaligen Zeit. Tanguelys Kunst lebt von der Show, und so lässt er sich etwas ganz besonderes einfallen, als er 1960 vom Museum of Modern Art in New York eingeladen wird: Er präsentiert im Garten des Museums eine 16 Meter lange Maschine, die sich mit lautem Getöse selbst zerstört, in Flammen aufgeht und am Ende ausgebrannt und nutzlos dasteht. Ein Skandal, die Kunstwelt ist verzückt und Tanguely schreibt sich mit diesem Happening in die Geschichte der Modernen Kunst ein. 1962 reisen er und seine zweite Ehefrau Niki de Saint Phalle in die Wüste Nevadas und sprengen dort, beim ehemaligen Atom-Testgelände, eine Installation aus Schrott und Alltagsgegenständen in die Luft: "Study for an End of the World No. 2" nennen sie das Projekt.

Regeln, Gesetze, Konventionen – Tinguely lehnt sich stets dagegen auf, lebt sein Leben, wie er es will, auch die Familienkonzepte seiner Zeit akzeptiert er nicht. Seine erste Tochter Miriam wächst bei den Großeltern in der Schweiz auf, es folgen zwei weitere Kinder mit weiteren Frauen. Aufbrausend und eifersüchtig, so zeigt es die Dokumentation, soll Tinguely im Privatleben gewesen sein. Ein Künstler mit egomanischen Zügen, der in den 1980ern, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, wie ein Getriebener von Projekt zu Projekt rast, zwischen dem Leben in der Schweiz und in Frankreich pendelt und am Ende ausgebrannt wie eine seiner Maschinen doch zum Stillstand kommt.

Der Film arbeitet mit sehr viel Archivmaterial und erlaubt so einen intimen Blick auf einen Künstler, der Kunst und Leben nie trennen wollte. Chronologisch verfolgt er den Werdegang Tinguelys und dessen Rezeption in einer Form, die dem Künstler sicherlich nicht gepasst hätte: nämlich geordnet, strukturiert und vermittelnd. Die Doku ist somit eine Art Retrospektive, eine Hommage, ein Porträt. Künstlerkollegen wie Daniel Spoerri und andere Wegbegleiter kommen zu Wort, Tanguelys Kinder oder noch lebende Ex-Frauen jedoch nicht. War Tanguely nun Egomane, Poet, Anarchist oder Ausnahmekünstler? Vielleicht ein bisschen von alldem.
Susanne Sitzler

(Tinguely) Dokumentarfilm, Schweiz 2011, Buch & Regie: Thomas Thümena, mit Guido Magnaguagno, Daniel Spoerri, Margrit Hahnloser, Bloum Cardenas, Laurent Condominas u.a., OmU, 88 min, Kinostart: 17. Mai 2012 bei Film Kino Text

Foto: © Film Kino Text



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