Attenberg

Komische Tiere

Kinostart: 10.5.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Liebe ist eine komplizierte Angelegenheit. Das mit dem Küssen hat man früh raus, das geht von ganz allein. Die Liebe dagegen ist ungleich schwieriger zu kapieren. So was kann manchmal ein ganzes Leben dauern und fordert mindestens ein paar gebrochene Herzen. Darin besteht Marinas Problem: Sie hat noch nie geküsst, und verlieben will sie sich auch nicht. Dummerweise bleibt ihr nicht mehr viel Zeit. Ihr Vater liegt im Sterben, Krebs, und insgeheim hat sie sich geschworen, jetzt endlich damit anzufangen, wovon alle immer reden, singen und Filme machen. Dass er sich um seine Tochter sorgt, die das Balzverhalten der Arten nur aus Naturdokumentationen kennt, belastet sie. Und Papa ist der einzige Mann, dem sie keinen Wunsch abschlagen kann.

Küssen lernen

Vielleicht ist es aber einfach auch mal an der Zeit, immerhin ist Marina schon 23. Andererseits, wer sagt eigentlich, dass die menschliche Existenz nur für Zweierbeziehungen prädestiniert ist? Schließlich kennt auch das Tierreich Einzelgänger. Und ist der Mensch nicht auch bloß ein komisches Tier? Ihre beste Freundin Bella kennt sich mit Männern aus. Marina nennt sie dafür eine kleine Schlampe, liebevoll, aber auch etwas verständnislos. Von der kann man noch was lernen. Und so kommt es zu der seltsamsten, peinlichsten und darin eben auch schönsten Knutschszene der jüngeren Filmgeschichte.

Da stehen Marina und Bella, wie in einem Western-Showdown. Nur dass die beiden Mädchen nicht ihre Pistolen gezückt haben, sondern sich ihre Zungen entgegenstrecken. Bella steckt Marina ihre Zunge in den Mund. "Wie fühlt sich das an?", will sie wissen. Marina schluckt: "Wie eine Schnecke." – "Du musst atmen, sonst erstickst du", belehrt die Freundin sie. Neuer Versuch. Marina nähert sich Bella mit aufgerissenem Mund, ihre Körper bewegen sich ungelenk wie Marionetten. "Hey, du sabberst mich voll", beschwert Marina sich, als Bellas Zunge sich an ihrer reibt – eine Art groteskes Balzritual, nur dass Marina ausnahmsweise nicht vor dem Fernseher sitzt, sondern selbst am komischen Treiben teilnimmt.

Jung sein in der Krise

So beginnt "Attenberg" von Athina Rachel Tsangari, ein sehr eigenartiger und eigenwilliger Coming-of-Age-Film und dazu einer der schönsten Filme über das Sterben seit langem. "Attenberg" ist ein griechischer Film, das sollte man nicht überbewerten, aber man muss es erwähnen, denn viel von dem, was in den letzten Jahren über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise in Griechenland zu lesen war, hat auch bei Tsangari Spuren hinterlassen. Im Dezember 2008 geriet Griechenland in die Schlagzeilen, als sich in den großen Städten Protestbewegungen formierten, die sich innerhalb weniger Tage zu Ausschreitungen ausweiteten. Ähnlich wie 2005 in Paris und vergangenes Jahr in London brach sich in den Protesten eine fundamentale Unzufriedenheit Bahn, die die Jugendlichen nur noch mit Gewalt artikulieren konnten.

Auch Marina hat in "Attenberg" Schwierigkeiten, für ihren Unmut die richtigen Worte zu finden. Doch statt auf die Straße zu gehen, hat Marina auch hier ihre ganz spezielle Form des Protestes gefunden. Ihrem Nicht-einverstanden-Sein verleihen Marina und Bella mit ungelenk-komischen Stechschritt-Choreografien Ausdruck, die an die Silly Walks der Monty Pythons erinnern. Diese theatralischen Brechungen, die auch eine Flucht aus dem geordneten Genre-Gefüge des Coming-of-Age-Films und dem sozialrealistischen Streichelzoo des Indiedramas darstellen, geben "Attenberg" da eine Struktur, wo der Zuschauer dem zumeist erratischen Verhalten seiner Hauptfiguren nur noch zögerlich folgen kann. Marina eckt ständig an, doch Ariane Labed, die für ihre Darstellung 2010 in Venedig ausgezeichnet wurde, zeigt in der latenten Aggressivität dieses sperrigen Mädchens auch eine Verletzlichkeit, die zutiefst berührt.

Distanz und Nähe

Marinas Vater ist der einzige Verbündete in ihrer zarten Misanthropie. Die Gespräche der beiden folgen einer ganz eigenen Logik und Befindlichkeit, sie schwanken stets zwischen heiligem Ernst und gespieltem Unsinn. "Stellst du dir mich manchmal nackt vor?", fragt der Vater wie selbstverständlich, weil er das Desinteresse seiner Tochter am Sex nicht nachvollziehen kann. Marina verzieht das Gesicht: "Ich hab mich dir immer ohne so ein Ding zwischen den Beinen vorgestellt." – "Nein, so ein Ding zwischen den Beinen hab' ich auch nicht." Wann hat man zuletzt im Kino einen solchen Dialog zwischen Vater und Tochter gehört? Wenn sie sich die Tierdokumentationen des britischen Filmemachers David Attenborough ("Attenberg", wie Bella sagt) ansehen, sind Vater und Tochter ganz bei sich. Dann springen sie wild auf dem Bett herum, grunzen und beschnuppern sich. Sie will dem Vater zum Trost ein letztes Geschenk machen: die körperliche Hingabe an einen anderen Menschen.

Weil aber in der verlassenen Industriesiedlung Aspra Spitia interessante Männer Mangelware sind, stellt sich dieses Unterfangen als schwierig heraus – bis ein Ingenieur in der Kleinstadt auftaucht. Was sie verbindet, ist eine Schwäche für Alan Vega und dessen Band Suicide. Vegas entkörperlichter Rock'n'Roll, nicht mehr als ein Hauchen und Fiepen, emotionale Entgrenzung auf Betriebstemperatur, beschreibt auch sehr schön Marinas Verhältnis zur Welt. Da ist es nur konsequent, dass genau vier Worte sie vor der emotionalen Vergletscherung retten: "Alan Vega ist Gott." Marina verliebt sich erst in eine abstrakte Idee von Liebe und später in die konkrete Vorstellung davon.

Auch wenn "Attenberg" eine ähnliche Distanz zu Marina hält wie die Dokumentationen David Attenboroughs zur Tierwelt, beginnt man das Mädchen allmählich zu verstehen. Distanz ist eben auch eine Frage des Respekts – gegenüber Menschen zum Beispiel. Der taxierende Blick der Regisseurin macht sich mit Marina gemein, deren Abweichungen von der sozialen Norm zum Prozess einer Subjektbildung werden. Tsangari beobachtet Marina, wie sie die Welt beobachtet. So tun sich neue Perspektiven auf, die Widerstände nicht rücksichtslos einebnen. Tsangari registriert in dem Fremden, an dem sich Marina so stört, etwas auch uns selbst Wohlvertrautes. Im Begriff "mit der Kamera einfangen" ist ja bereits eine gewalttätige Handlung konnotiert. Die Kamera fängt Wirklichkeit ein. Oder Menschen. Auch Tsangari fängt Marina mit ihren verstockten Gefühlen irgendwie ein, macht sie uns verständlich. Weil Tsangari dem Mädchen aber ihre Widerstände, ihre Schutzmechanismen belässt, bleibt sie frei. Und diese Freiheiten machen "Attenberg" zu einem so großartigen Film über das Erwachen der späten Jugend.

Attenberg, Griechenland 2010, Buch & Regie: Athina Rachel Tsangari, mit Ariane Labed, Evangelia Randou, Vangelis Mourikis, Yorgos Lanthimos u.a., OmU, ab 12, 99 min, Kinostart: 3. Mai 2012 bei Rapid Eye Movies

Fotos: © Rapid Eye Movies

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.



Mehr Infos zu "Attenberg"

"Attenberg" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Infos zu "Attenberg" vom deutschen Verleih
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Attenberg" auf filmz.de





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