Ausgerechnet Sibirien

In der Fremde

Kinostart: 10.5.2012 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Unscheinbar wirkt er, oft schüchtern, fast schon linkisch, manchmal auch verschroben, doch nur selten berechenbar. Der Schauspieler Joachim Król stutzt seine Charaktere nicht auf Abziehbilder und Klischees, sondern er lässt sie leben. Auch wenn er als Matthias Bleuel in Ralf Huettners "Ausgerechnet Sibirien" durch den kurzen sibirischen Sommer stapft. Als Logistiker eines Leverkusener Modeversandhandels ist er dorthin aufgebrochen, ein hyperkorrekter, penibler Mensch. Zu Hause wohnt er in einem 08/15-Reihenhäuschen, frisch geschieden von einer Norm-Blondine. Als Bleuel mit Anzug und Laptop zum vermutlich letzten Außenposten deutscher Gediegenheit aufbricht, hat er sich zwar mit Pfefferspray und Mückenmitteln gewappnet, doch damit haben sich seine Kenntnisse über die russischen Lebensumstände auch schon erschöpft.

Regisseur Ralf Huettner ("vincent will meer") kolportiert in seiner sympathischen Komödie die Vorurteile eines deutschen Spießers, um ihn dann – gleichwohl folkloristisch schöngefärbt – mit der magischen, urtümlichen Seite Sibiriens zu verführen. Bleuel genügen schon wenige Klänge des ungewöhnlichen Oberton-Gesangs, die er auf einem Jahrmarkt erstmals vernimmt. Sie treffen ihn bis ins Mark. Sajana heißt die schorische Sängerin, die wie ein exotisches Aschenputtel alsbald verschwindet und einen wundersam verwandelten Bleuel zurücklässt. Fasziniert heftet er sich mit seinem Dolmetscher an ihre Fersen, durchstreift die weite sommersatte Tundra, suhlt sich in Schlammlöchern und trotzt vom Himmel fallendem Weltraumschrott. Wie im Märchen warten auf Bleuel Widersacher, hier in Gestalt eines eifersüchtigen Ehemanns, und helfende Geister wie Salayanas wahrsagende Großmutter. Mag Huettner sein Folklore-Kolorit bisweilen ziemlich dick auftragen und den Handlungsverlauf zu transparent gestalten, den Charme seiner Liebesgeschichte kann dies wenig verfremden. Doch das hat "Ausgerechnet Sibirien" nur einem zu verdanken, dem außergewöhnlichen Joachim Król.
Cristina Moles Kaupp

Ausgerechnet Sibirien, Deutschland, Russland 2012, Regie: Ralf Huettner, Buch: Michael Ebmeyer, Minu Barati nach dem Roman "Der Neuling" von Michael Ebmeyer, mit Joachim Król, Vladimir Burlakov, Yulia Men, Armin Rohde, Katja Riemann u.a., o.A., 100 min, Kinostart: 3. Mai 2012 bei Majestics

Foto: © Georg Nonnenmacher/Majestic



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