Carte Blanche

Warten auf Gerechtigkeit

Kinostart: 10.5.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Leicht anzuschauen ist "Carte Blanche" von Heidi Specogna nicht. Das liegt am Thema. Es geht um Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Terror gegen die Zivilbevölkerung. Und es geht um Plünderung und Zerstörung, um Vergewaltigung, Verstümmelung und Mord. Zwar wird all dies auf größtmöglich nüchterne Weise dargestellt, nämlich vermittelt über die Beobachtung der Tätigkeiten der Ermittlerinnen und Ermittler des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, aber es ergeht einem doch wie dem Gerichtsmediziner Dr. Eric Baccard. Baccard ist ein höflicher und behutsamer Mensch, der im Film sagt, er habe zwar schon alles und über die Maßen Schreckliches gesehen, aber auch diese langjährige Erfahrung mache ihm die Arbeit nicht einfacher, schütze ihn nicht vor Betroffenheit und Schmerz.

Schmerz. Der Schmerz spiegelt sich in den Gesichtern der Frauen und Mädchen der Zentralafrikanischen Republik, die im Zuge einer vom Oktober 2002 bis März 2003 dauernden Kampagne den Massenvergewaltigungen der aus dem Kongo eingefallenen Befreiungsbewegung (MLC) Jean-Pierre Bembas zum Opfer gefallen sind. Er spiegelt sich in den Gesichtern der Männer und Jungen, die entweder das gleiche Schicksal ereilte oder die die Schändung ihrer Töchter, Frauen, Schwestern nicht verhindern konnten. Sexuelle Gewalt ist ein Instrument des Terrors. Im Krieg ist sie eine Waffe, die sich gegen die zivilgesellschaftlichen Strukturen richtet. Nicht nur in Afrika verliert die geschändete Frau ihren Wert, der geschändete Mann seine Ehre, zerstören daraus folgend Ausgrenzung und Ächtung Gemeinwesen und Zusammenleben.

2007 werden vom Internationalen Strafgerichtshof Ermittlungen aufgenommen, die dazu dienen sollen, genügend Beweise zu sammeln, um die Eröffnung eines Verfahrens gegen Bemba zu erreichen. Im November 2010 wird dieses tatsächlich eröffnet. Es dauert an. "Carte Blanche" dokumentiert die langwierigen Vorarbeiten. Specogna begleitet den Gerichtsmediziner Baccard und die Ermittlerin Gloria Atiba Davies auf ihren Missionen in der Zentralafrikanischen Republik, filmt Exhumierungen, Zeugenbefragungen, Tatortbesichtigungen. Sie beobachtet den Ablauf des Beweisprüfungsverfahrens in Den Haag. Sie spricht mit Luis Moreno-Ocampo, dem Chefankläger. Sie besucht die Familie Bembas im Exil in Belgien, wo Bembas Frau stolz auf ein paar Tassen weist und meint, ihr Mann habe im Gefängnis sein Talent für die Töpferei entdeckt. Bemba selbst hält sich im Übrigen für unschuldig. Er habe keine Anweisung zur Verübung von Gräueltaten gegeben. Ein Rechtswissenschaftler erläutert die dem zugrunde liegende Kommunikationsmethode: Man gibt keinen Befehl, der einem später zum Verhängnis werden kann, man sendet ein Signal, das "falsch interpretiert" wurde. Im vorliegenden Fall hieß das Signal "Carte Blanche". Die Mühlen internationalen Rechts mahlen unendlich langsam. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann warten die Traumatisierten in der zentralafrikanischen Republik noch heute auf Gerechtigkeit.
Alexandra Seitz

Carte Blanche, Dokumentarfilm, Schweiz, Deutschland 2011, Regie: Heidi Specogna, Buch: Heidi Specogna, Sonja Heizmann, mit Luis Moreno-Ocampo, Gloria Atiba Davies, Eric Baccard u.a., OmU, 91min, Kinostart: 10. Mai 2012 im Eigenverleih

Foto: © Specogna



Mehr Infos zu "Carte Blanche"

"Carte Blanche" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
"Carte Blanche" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database





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