Dark Shadows

Vampir trifft Hippies

Kinostart: 10.5.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Vampire sind coole Typen. Haben alles schon gesehen, lassen sich von den Moden der Sterblichen nicht beeindrucken, wissen seit Jahrhunderten um deren Vergänglichkeit. Barnabas Collins (Johnny Depp) allerdings ist irgendwie uncool. Eine McDonald's-Leuchtreklame erfüllt ihn mit heiliger Ehrfurcht, das bunte Treiben der bürgerlichen Gesellschaft hingegen mit moralischem Abscheu. So ist das eben, wenn man die letzten zweihundert Jahre in einem Sarg verbracht hat. Der fahle Dandy des 18. Jahrhunderts hat es aber auch besonders hart erwischt: überall Rock und Pop, lange Haare und grässliche Farben – die Erlösung von seinem Fluch katapultiert Barnabas direkt in das Jahr 1972!

"Dark Shadows" basiert auf einer ziemlich unbekannten US-Serie der 1960er-Jahre, aber Johnny Depps grandioser Auftritt mit weißem Gesicht, schwarzen Stirnfransen und aristokratischem Habitus in einem Meer psychedelischen Wahnsinns ist unverkennbar Tim Burton. Wie schon oft verbindet der Meister des skurrilen Gothic Horrors die Ästhetik gefallenen Adels mit den Thrills der Popkultur (er würde sagen, beides sei ohnehin dasselbe). Diese gewollte Dekadenz, dem Geist der frühen 70er durchaus entsprechend, zeigt sich auch in Barnabas’ heruntergekommener Sippschaft, bestehend aus der kühlen Matriarchin Elizabeth (Michelle Pfeiffer), der eitlen Psychiaterin Julia (Helena-Bonham Carter) und der lasziven Glam-Rock-Göre Carolyn (Chloë Grace Moretz). Als Nachfahren der einst stolzen Pilgerfamilie Collins bewohnen sie noch immer deren Stammsitz und bescheren dem noblen Vorfahren jede Menge Ärger.

Trotz einer düster-romantischen Liebesgeschichte aus uralter Zeit erinnert Burtons Ausflug in die Hippie-Ära mehr an die "Rocky Horror Picture Show" als an den modernen Vampir-Hype. Burtons erster richtiger Vampirfilm ist ein eher unblutiger Spaß. Und wer "Twilight" Konkurrenz machen will, engagiert nicht Alice Cooper als Gaststar! Anders betrachtet, holt sich Burton hier nur sein eigenes Genre zurück – um es umgehend zu ironisieren. Sein Stilmix wirkt dabei, wie schon zuletzt in "Alice im Wunderland", etwas beliebig. An der makellosen Qualität der originellen, oft brillanten Einzelbilder kann jedoch kein Zweifel bestehen. Von selbst versteht sich, dass der Regisseur auch seine Frauenfiguren, von Michelle Pfeiffer und Helena Bonham Carter bis zu Eva Green als bitterböser Latex-Hexe, wieder einmal fantastisch in Szene setzt. Man hat es schon oft gesehen, aber nur bei Burton, und wollte es immer wieder tun – bis in alle Ewigkeit.
Philipp Bühler

Dark Shadows, USA 2012, Regie: Tim Burton, Buch: Seth Grahame-Smith, mit Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Helena Bonham Carter, Eva Green, Jonny Lee Miller u.a., ab 12, 112 min, Kinostart: 10. Mai 2012 bei Warner Bros.

Foto: © Warner Bros. Entertainment Inc.



Mehr Infos zu "Dark Shadows"

"Dark Shadows" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "Dark Shadows"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Dark Shadows" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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