Die Vermissten

Die Ratten der Lüfte

Kinostart: 10.5.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Eines Tages erhält Lothar, Ingenieur für Reaktorsicherheit, einen Anruf von seiner Ex-Frau: Martha, die gemeinsame Tochter, ist spurlos verschwunden. Zwar hat Lothar zu seiner inzwischen 14-jährigen Tochter schon seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr, dennoch macht er sich auf die Suche. Und treibt im Verlauf von Jan Speckenbachs "Die Vermissten" immer weiter ab ins Niemandsland der deutschen Provinz zwischen Hannover und Wolfsburg, das sich allmählich in ein Zwischenreich verwandelt, in dem Seltsames geschieht und die Bedeutungen diffus bleiben. Es wird zu wenig geredet und wenn, dann über das Falsche. Man mischt sich nicht ein, man bleibt für sich und anonym. Man findet keine Mittel.

Denn bald schon stellt sich heraus, dass nicht nur Martha verschwunden ist, dass sich vielmehr zahlreiche Kinder auf einer Art Wanderschaft befinden – oder in einer Fluchtbewegung weg aus der Gesellschaft. "Ratten der Lüfte" nennt sich die Facebook-Gruppe, der sie sich angeschlossen haben. Das wird einmal beiläufig erwähnt, aber nicht weiter vertieft, bleibt, wie so vieles in diesem Film, unerklärt und im Dunkeln. Tatsache aber ist, dass die Kinder verschwinden. Sie kündigen den Erwachsenen die Gefolgschaft auf und klinken sich aus den von der älteren Generation geschaffenen, zukunftsuntauglichen Zusammenhängen aus.

Von Ferne erinnert "Die Vermissten" an die Sage vom Rattenfänger von Hameln, dem, nachdem er die Stadt von einer Rattenplage befreit hatte, der zugesagte Lohn verweigert wurde, und der daraufhin Hamelns Kinder mit sich nahm. Nur bei Ostwind, heißt es in der Sage, hörte man noch entferntes Kinderlachen über die Berge hallen.

Der Rattenfänger-Sage liegt eine Kolonisationsbewegung gen Osten im 13. Jahrhundert zugrunde; Speckenbachs Geschichte ist eine Zuspitzung dessen, was in der gesellschaftlichen Gegenwart Europas latent ist: demografischer Wandel, sprich: Überalterung, Generationenkonflikt, Perspektivlosigkeit und hohe Arbeitslosigkeit der Jungen. "Indem die Kinder die Gesellschaft verlassen", sagt Speckenbach, "nehmen sie ihr die Geschichte, denn ohne Kinder hat die Gesellschaft keine Zukunft." Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.

"Die Vermissten" ist eine von Schweigen und Gemächlichkeit geprägte Dystopie, eine Sammlung von Impressionen, die ums Verlorensein kreisen: die verlorene Generation, die sich entfernt, und jene, die verloren zurückbleibt. Das muss tatsächlich nicht erklärt werden, das teilt sich mit als jenes beunruhigende Gefühl, das einen beschleicht, wenn man sich die Verhältnisse vor Augen führt: So, wie es ist, kann es nicht bleiben.
Alexandra Seitz

Die Vermissten, Deutschland 2012, Regie: Jan Speckenbach, Buch: Jan Speckenbach, Melanie Rohde, mit André M. Hennicke, Luzie Ahrens, Sylvana Krappatsch, Jenny Schily, Sandra Borgmann, Christoph Bantzer u.a., ab 12, 86 min, Kinostart: 10. Mai 2012 bei Filmgalerie 451

Foto: © Filmgalerie 451



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