Schildkrötenwut

Der Geist im Keller

Kinostart: 10.5.2012 | Andreas Resch | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Alle glücklichen Familien", schreibt Tolstoi, "sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich." Bei der Dokumentarfilmerin Pary El-Qalqili, die in München an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) studiert, rührt das eigene familiäre Unglück, welches in "Schildkrötenwut" in beeindruckender Weise geschildert wird, vor allem daher, dass das Leben ihres Vaters, eines in Deutschland lebenden Palästinensers, so sehr vom israelisch-palästinensischen Konflikt dominiert ist, dass er darüber zunehmend den Kontakt zu seiner eigenen Familie verloren hat. Seit Jahren lebt er, einem Geist gleich, im Keller des eigenen Hauses – ohne wirklichen Kontakt zur Außenwelt.

El-Qalqili will in ihrem Film nachvollziehbar machen, wie es zu dieser verfahrenen Situation kommen konnte. Dies geschieht zu einem über Gespräche mit dem Vater und über Off-Kommentare, zum anderen über eine Reise in die Heimat, auf die die Tochter den Vater begleitet. Im Verlauf von knapp 70 Filmminuten erfährt man vom gescheiterten Versuch des Vaters, für immer nach Palästina zurückzukehren, man erfährt von Inhaftierungen und grausamen Demütigungen, die mit den Jahren in eine Weltsicht gemündet sind, die nur noch Raum für Schwarz und Weiß, für Unterscheidungen in Freund und Feind zulässt.

Augenfällig ist die Diskrepanz zwischen den Off-Kommentaren, in denen El-Qalqili die Lebensgeschichte ihres Vaters nacherzählt, über sich und ihre Familie reflektiert, und den Dialogen zwischen Vater und Tochter, in denen Kommunikation im Sinne eines Verstehens kaum mehr möglich erscheint. Durch diese beiden Blickwinkel – den situationsgebundenen, dialogischen auf der einen, den reflektierenden, monologischen auf der anderen Seite – bildet sich mit der Zeit ein klareres Verständnis für den Vater, den Protagonisten des Films, heraus.

Dieser ist eine im Kern zutiefst tragische, weil zerrissene Figur. Festgefahren in seinen Ansichten, wirkt er gleichzeitig hilflos, sich selbst und seinen emotionalen Ausbrüchen immer wieder ausgeliefert. Im Verlauf des Films lernt man dennoch, bis zu einem gewissen Grad Verständnis für ihn aufzubringen. Denn man erlebt einen Mann, der auf tragische Weise seine Heimat verloren hat, das nie verarbeiten konnte und darüber irgendwie die Chance verpasst hat, Geborgenheit in der eigenen Familie zu finden.
Andreas Resch

Schildkrötenwut, Dokumentarfilm, Deutschland 2012, Regie: Pary El-Qalqili, Buch: Pary El-Qalqili, Silvia Wolkan, mit Musa El-Qalqili, Sibylle El-Qalqili, Pary El-Qalqili, Um Massad El-Qalqili u.a., OmU, 70 min, Kinostart: 10. Mai 2012 bei mec film

Foto: © mec film



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