Die Liebenden

Eine Geschichte der Liebe

Kinostart: 3.5.2012 | Marguerite Seidel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn die Handlung plötzlich innehält und Filmfiguren zu singen beginnen, ist das ein Verfremdungseffekt. Die Illusion ist dahin. Bevor man sich versieht, spürt man wieder den Kinosessel unter sich und ist nicht mehr mittendrin im Geschehen. Der Regisseur Christophe Honoré lässt in seinen Filmen die Schauspieler gerne hin und wieder ein Chanson anstimmen. Anders als etwa in klassischen Musicalfilmen oder im Bollywood-Kino tut er dies völlig unerwartet. Anfangs wirkt das seltsam und ein wenig lustig, aber schon bald erstaunt der Gesang nicht mehr. Die schwere Zeit, die Honorés Protagonisten für gewöhnlich durchmachen, präsentiert sich auf diese Weise etwas leichter, unterhaltsamer – und vielschichtiger.

Bereits in "Chanson der Liebe" (2007) hat Honoré so dem durch einen Todesfall verkomplizierten Beziehungswirrwarr einiger junger Pariser eine verspielte Note gegeben. In seinem neuesten Film "Die Liebenden" nutzt er erneut diese Methode, wieder nicht nur um die Ereignisse charmant zu kommentieren, sondern auch um tiefer in das Innerste der Figuren einzutauchen. Diesmal beginnt die Geschichte in den Swinging Sixties, als die Liebe sich von starren Konventionen lossagte. Madeleine verdient sich als Gelegenheitsprostituierte ein Zubrot und verliebt sich in ihren Freier, den Tschechen Jaromil. Der heiratet sie und nimmt sie mit nach Prag. Doch er ist ein notorischer Fremdgänger. Madeleine kehrt ernüchtert mit der gemeinsamen Tochter Vera nach Paris zurück.

Jahrzehnte später ist Vera – die Erzählerin des Films – erwachsen. Während ihre Mutter sich trotz einer neuen beständigen Ehe heimliche Rendezvous mit Jaromil gönnt, trifft Vera ihre große Liebe in Person des homosexuellen Musikers Henderson. Die Zeiten haben sich für ihre Generation allerdings geändert. Henderson ist HIV-positiv; ein Arrangement mit ihm, mal abgesehen von seiner sexuellen Orientierung, kaum möglich. Die Liebe hat sich von einem befreienden zu einem bedrückenden Gefühl gewandelt.

Um diese Geschichte der Liebe zu verkörpern, hat Honoré ein berühmtes Mutter-Tochter-Gespann engagiert. Vera wird von seiner Stammschauspielerin Chiara Mastroianni gespielt, die reife Madeleine von ihrer Mutter Catherine Deneuve. Die beiden lieben und streiten sich wie im echten Leben und erschaffen durch ihre magische Leinwandpräsenz eine traurigschöne Szene nach der anderen. Zugleich ist Deneuves Besetzung eine Hommage an Honorés geistigen Paten, den Regisseur Jacques Demy: Er entdeckte in den 1960er-Jahren die künftige Filmdiva und gab ihr die Hauptrolle in "Die Regenschirme von Cherbourg" (1964), der unter anderem wegen seiner gesungenen Dialoge in die Filmgeschichte eingegangen ist.
Marguerite Seidel

(Les Bien-Aimés) Frankreich, Großbritannien, Tschechien 2011, Buch & Regie: Christophe Honoré, mit Catherine Deneuve, Ludivine Sagnier, Chiara Mastroianni, Louis Garrel, Milos Forman u.a., ab 12, 135 min, Kinostart: 3. Mai 2012 bei Senator

Foto: © Senator Entertainment AG



Mehr Infos zu "Die Liebenden"

Filminfo vom französischen Verleih
Die deutsche Webseite zu "Die Liebenden"
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