Ehrenmedaille

Zurück in die Zukunft

Kinostart: 3.5.2012 | Stefan Brückner | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Während der rumänische Film im eigenen Land in Konkurrenz zu den Blockbustern aus Hollywood nicht den Hauch von Interesse erzeugt, schwappt die "neue rumänische Welle" seit einigen Jahren über das europäische Festland gen Westen. Nach den Kritiker-Erfolgen in Venedig und Cannes von "Der Tod des Herrn Lazarescu" und "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" versuchen sich nun Regisseur Peter Călin Netzer und Drehbuchautor Tudor Voican mit "Ehrenmedaille" an der Aufbereitung der rumänischen Vergangenheit.

Rentner Ion führt ein einfaches und trostloses Leben in seiner Bukarester Wohnung: keine funktionierende Heizung, bescheidene Rente und – das Schlimmste – eine stumme Ehefrau. Sie hat vor einigen Jahren die Unterhaltung mit ihm eingestellt, nachdem der überzeugte Sozialist seinen Sohn Cornel kurz vor dem Sturz des Ceausescu-Regimes an der Flucht hindern wollte. Von der Gesellschaft ebenfalls abgewiesen, fristet Ion ein trauriges Dasein. Und da bringt der Postbote wie aus heiterem Himmel einen Brief von der Regierung. Wollen sie ihm auch noch die Rente kürzen? Nein, stattdessen verleihen sie ihm eine Ehrenmedaille! Ion weiß nicht recht, wofür er sich im Zweiten Weltkrieg eine Auszeichnung verdient haben soll. So reimt er sich aus Gesprächen mit anderen Veteranen und Briefwechseln mit seiner Frau eine Geschichte zusammen, die er bald auch selbst glauben wird. Die Auszeichnung hat selbstverständlich ihre guten Seiten. Sie ermöglicht die Annäherung an seine Familie und gesellschaftliche Anerkennung. Plötzlich stellt sich heraus, dass den Behörden bei der Vergabe der Medaille ein Fehler unterlaufen ist …

Netzers Film überträgt die Tristesse der post-sozialistischen Ära direkt auf die Leinwand: Träge Einstellungen und eine langsame Schnittfolge symbolisieren die Ohnmacht und Monotonie des langen Ehelebens. Die Verwicklungen des Films greifen hier in etwa so wie die Mühlen der rumänischen Bürokratie: Sie mahlen etwas langsam, aber sie mahlen. Der Zuschauer nimmt an der tristen Alltagswelt einer vergreisenden Gesellschaft teil, die mehr in der Vergangenheit als in der Zukunft zu leben scheint. Die Bilder legen dabei keine plakative Systemkritik offen, sondern versuchen lediglich die Realität widerzuspiegeln. Es ist rührend zu beobachten, wie Ion versucht, diese Realität mit Erfindungsreichtum in seine eigene, wesentliche erträglichere Wirklichkeit zu übertragen. Genau hier gelingt dem rumänischen Schauspielveteranen Victor Rebengiuc eine einfühlsame Verkörperung des verstoßenen Protagonisten – zumal er als einstiger Regime-Gegner tief in die Erfahrungskiste greifen konnte. Der hier und da aufblitzende sensible Humor ist paradoxerweise dann bewegend, wenn Ion mit unfreiwilliger Komik um seinen unverdienten Status als Kriegsheld kämpft. "Ehrenmedaille" ist eine tragikomische Familiengeschichte, die nach Öffnung des eisernen Vorhangs in ähnlicher Form wohl oft erzählt werden konnte. Nur schade, dass sich im eigenen Land niemand für diese Geschichten interessiert.
Stefan Brückner

(Medalia de onoare) Rumänien, Deutschland 2009, Regie: Peter Călin Netzer, Buch: Tudor Voican, mit Victor Rebengiuc, Camelia Zorlescu, Mimi Branescu, Radu Beligan, Florina Fernandes u.a., OmU, 101 min, Kinostart: 3. Mai 2012 bei debese.film

Foto: © debese.film



Mehr Infos zu "Ehrenmedaille"

"Medalia de onoare" - die offizielle Filmwebseite (rumänisch)
Verleihinfos zu "Ehrenmedaille"
"Ehrenmedaille" auf filmportal.de
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