Tomboy

Die Geschichte von Laure/Michael

Kinostart: 3.5.2012 | Tim Slagman | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was macht eigentlich ein Mädchen zu einem "richtigen" Mädchen? Und was einen Jungen zu einem "richtigen" Jungen? In ihrem feinfühlig inszenierten Film "Tomboy" behauptet Regisseurin Céline Sciamma: der von Vorurteilen und Stereotypen belastete Blick der anderen. Im Mittelpunkt ihres Films steht die 10-jährige Laure (Zoé Héran), die sich ihren neuen Freunden am neuen Wohnort als Michael vorstellt und sich fortan als Junge ausgibt.

Männer, Frauen, Transgender

Auf der Berlinale 2011 gewann "Tomboy" den Teddy Jury Award, der Filmen mit schwul-lesbischer oder Transgender-Thematik vorbehalten ist. Wobei hier die kategoriale Verwirrung schon beginnt – kein Wunder womöglich, wo es doch um die Hinterfragung herkömmlicher (Geschlechter-)Kategorien gehen soll. Befassen sich also nicht auch schon der wunderbare "Tootsie" (1982) mit Dustin Hoffmann oder Detlev Bucks "Rubbeldiekatz" mit diesem Thema, die vor allem eine Konstellation variieren: Mann braucht Job, den er nur als Frau kriegen kann, und die Frau, die er will, kriegt er nur als Mann?

Diese Geschichten würde man eher im Bereich der Travestie verorten, also in einem schauspielerischen Spiel mit dem vorübergehenden Ausbruch, Klamauk um Beinenthaarung und ausgestopfte Büstenhalter gerne mit inbegriffen. Transgender hingegen definiert sich grundsätzlich als ein Verhalten, das von der zugeordneten Geschlechterrolle abweicht. Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität leben hierzulande etwa 60.000 bis 80.000 Menschen so. Und hier prallen natürlich wie kaum anderswo Körper und Gesellschaft, Selbstbestimmung und Restriktion, also, wenn man so will, Privates und Politisches aufeinander.

Wie ein Sommertraum

Erfrischend ist es, wie Céline Sciamma in ihrem Film all die Klischees und Erklärungsmuster ausspart, die das Sujet für gewöhnlich bereithält. Warum Laure sich den neuen Freunden an ihrem neuen Wohnort als Michael vorstellt, bleibt offen, ohne dass dies in der sensibel konstruierten Dramaturgie einen Mangel darstellte. Sciamma nimmt sich jede Menge Zeit, um den Alltag von Laures Familie und Clique darzustellen. Sie erzählt Szenen aus, die scheinbar Nebensächliches zeigen: das häusliche Abendessen, die Autofahrten mit dem Vater (Mathieu Demy) oder das Spiel mit Laures kleiner Schwester Jeanne (Malonn Lévana).

Sehr lange dauert es, bis der Zuschauer geradezu beiläufig in einer Szene im Badezimmer erkennt, dass der ältere Spross der Familie biologisch ein Mädchen ist – ein kluger inszenatorischer Einfall, der die von gesellschaftlichen Normen geprägten Schlussfolgerungen entlarvt. Denn beim Vater am Steuer, bei einer Art improvisierter Fahrstunde – das muss doch ein Junge sein! Oder? Eben nicht. Mit ihrer unaufgeregten Erzählweise und der Lust an der Abschweifung zeichnet die Regisseurin die großen Ferien als eine Traumzeit, in der alles möglich scheint. Und es ist dieses Dazwischen, dieses Fließen, dieses lustvolle, herrlich Ungefähre, das Form und Inhalt in Sciammas Film perfekt in eins fallen lässt.

Die Reise nach dem Ich

Diesen erzählerischen Modus des Übergangs teilen auch andere Filme zum Thema, etwa der ähnlich fantastisch traumverlorene "Mein Leben in Rosarot" (1997) des belgischen Regisseurs Alain Berliner. Und "Transamerica" mit Felicity Huffman trägt das Motiv der Reise schon im Titel – wie bei jedem Roadmovie gilt freilich auch hier, dass der Weg das Ziel zu sein hat. Wobei erwähnt sei, dass die Hauptfigur Bree, die als Stanley geboren wurde, streng genommen als Transsexuelle zu klassifizieren wäre, also als jemand, der mit einem eindeutigen biologischen Geschlecht auf die Welt gekommen ist, sich jedoch dem anderen zugehörig fühlt und sich diesem so weit wie möglich, durchaus auch körperlich, annähern möchte. Intersexuelle hingegen werden mit den Merkmalen beider Geschlechter geboren wie etwa die/der 15-jährige Alex, von dem/der Lucia Puenzo in "XXY" erzählt.

Jede dieser Festlegungen weist Sciammas Film zurück, weil Laure sich nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern natürlich auch zwischen Kindheit und Jugend bewegt, zwischen spielerischer Narrenfreiheit und dem langsam beginnenden Ernst der Pubertät – vom Erwachsenwerden ganz zu schweigen. Ohne die starken Leistungen der Jungschauspieler würde Sciammas Konzept nicht aufgehen. Vor allem Zoé Héran verleiht ihrer Laure ein Gefühl der Orientierungslosigkeit und des großen, ja beinahe erwachsenen Ernstes – was, noch, nicht mit existenzieller Verzweiflung zu verwechseln ist. Denn auch leiser Humor hat seinen Platz in diesem Sommermärchen. Wenn Laure Gefahr läuft, beim Austreten in der Pause des Fußballspiels entdeckt zu werden, oder wenn sie sich vor dem Schwimmbadbesuch mit viel Geduld einen Penis aus Knete modelliert, damit sie vor den Freunden weiter als Michael durchgeht, dann ist das jedoch nie auf den schrillen Effekt hin inszeniert.

Ein Film, nicht nur für Kinder

Sciamma erzeugt die Magie ihres Films gerade aus der Natürlichkeit: aus dem genauen Blick, der Konzentration auf die Figuren, dem sparsamen Einsatz aufdringlicher filmischer Mittel. Musik etwa gibt es nur dann zu hören, wenn im Kinderzimmer von Laures – oder besser: Michaels – Freundin Lisa ein CD-Player spielt. Dann bleibt die Welt dort draußen vor der Tür, wo sie hingehört. Menschen, die aufgrund ihres nonkonformen Umgangs mit geschlechtlicher Identität Diskriminierung oder Schlimmeres erlebt haben, mag das ein Stück weit naiv erscheinen. Von der Düsternis des nachtschwarzen "Boys Don't Cry" (1999), für den Hilary Swank 2000 ihren ersten Oscar gewann, ist "Tomboy" meilenweit entfernt.

Aber wenn der Film eines zeigt, dann das: Die Kleinen sollte man nicht unterschätzen – in ihren Fähigkeiten, ihren Wünschen und der Komplexität ihrer Probleme. "Tomboy" besteht beinahe nur aus Zwischentönen, daher lässt er sich auch nicht ins festgefügte Korsett des typischen Kinderfilms pressen. Der Sommer geht zu Ende, soviel ist klar – doch die Suche nach der eigenen Identität und nach Orientierung in einer immer noch reichlich unflexiblen Gesellschaft geht weiter.

Tomboy, Frankreich 2011, Buch & Regie: Céline Sciamma, mit Zoé Héran, Malonn Lévana, Jeanne Disson, Sophie Cattani, Mathieu Demy, Yohan Vero u.a., ab 6, 84 min, Kinostart: 3. Mai 2012 bei Alamode

Fotos: © Alamode

Tim Slagman ist Filmjournalist und lebt in München.



Mehr Infos zu "Tomboy"

Die deutsche Webseite zu "Tomboy"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Tomboy" auf filmz.de
FilmTipp von Vision Kino
Filmbesprechung auf kinofenster.de





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