Die Grenzen der Bilder

Julian, 21, Experimentalfilmstudent

1.5.2012 | Nana A. T. Rebhan | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Julian Schmitt ist 21 Jahre alt und studiert im Fachbereich Visuelle Kommunikation an der UdK, der Universität der Künste in Berlin. Unterrichtet wird er im vierten Semester von Heinz Emigholz, deutsche Koryphäe auf dem Gebiet des Experimentalfilms. "Bewegtbild 2" heißt sein derzeitiges Seminar in Experimenteller Filmgestaltung. Julian ist der Jüngste in seiner Klasse, eine Ausnahme, denn eigentlich ist der Studiengang ein Aufbaustudiengang. Aber das macht ihm nichts aus, arbeitet er doch seit Jahren schon kreativ mit seinem fünf Jahre älteren Bruder David zusammen. David hat ihm das vorgemacht mit der UdK, denn er hat genau denselben Studiengang belegt, in dem sich nun Julian versucht. Nun studiert David an der DffB (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) im Fach Kamera. Als Abschluss an der UdK hat der Bruder den 19-minütigen Kurzspielfilm "Kurzer Sommer" gedreht, in dem Julian 2011 die männliche Hauptrolle übernahm: Er spielt einen Zivildienstleistenden, der in einer Jugendherberge arbeitet. Ein Mädchen schleicht sich bei der Abfahrt des Klassenbusses davon und verbringt einen ganzen Tag mit ihm in der Jugendherberge. "Nein, das war kein Liebesfilm", sagt Julian grinsend. Julian will alles ausprobieren, um zu wissen, was zu ihm passt und was nicht. Dass er keine Lust aufs Schauspielern hat, weiß er jetzt; auch wenn die Zuschauer ihn sehr gut fanden.

Welche Filmsprache spreche ich?

Momentan ist er damit beschäftigt, die Grenzen der Bilder auszuloten: Welche Emotionen kann ein Bild transportieren? Welche Geschichte kann wie erzählt werden? Wie beeinflusst der Ausschnitt, wie die Perspektive das Bild? Wie viel Dialog braucht ein Film? Im Sommer 2012 will Julian sein erstes eigenes narratives Kurzspielfilmprojekt angehen. Für ihn selbst sei das Studium an der UdK erst einmal "passender als an einer normalen Filmhochschule", meint er, denn hier könne er sich frei bewegen und entspannt ausprobieren. Julian: "Der größte Druck kommt immer von mir selbst."

"Auf jeden Fall fotografieren!"

Julian erinnert sich, als er mit seinen Eltern in Venedig war, 13 oder 14 Jahre war er alt. Seinen Vater bat er, ihm drei "richtige", analoge Filme zu besorgen, und die waren in wenigen Tagen voll. Aber Julian machte keine typischen Touristenfotos. Er ging etwa in ein Museum und fotografierte dort die Menschen, die sich die Werke ansahen, immer wieder. Es ging ihm dabei um die Verteilung der Menschen im Raum, wie diese vor den Bildern standen, in welchem Abstand zum Bild, in welchem Winkel.

"Yella"!

Schon damals fiel ihm auf, dass sein Interesse an der Fotografie ein wenig anders war als das seiner Freunde. Bald schon war er nicht mehr ohne seine Kamera unterwegs. Seine Freunde fanden das zwar cool, beschwerten sich aber, dass sie nie auf den Fotos zu sehen waren. Als Julian 15 Jahre alt war, empfahl ihm sein Bruder David, "Yella" von Christian Petzold anzusehen. Der Film wirkte wie eine Initialzündung auf ihn: "Bis dahin kannte ich Filme wie 'Matrix' oder so, ich wusste ja nicht, dass es noch ganz andere Filme gibt." Dass es Filme gibt, die dem Bild so viel Raum und Bedeutung lassen, überwältigte ihn. Daraufhin verschlang Julian alle Filme von Petzold und die der "Berliner Schule". Einzigartig erscheint ihm, wie diese Filme "dem Zuschauer viel Freiraum für die eigene Interpretation lassen". Jeder, jede könne den Film anders sehen: "Die offene Narration, fehlender Musikeinsatz, lange Einstellungen, all das führt zu dieser Offenheit, ganz anders als in Hollywoodfilmen, in denen alles vorgegeben ist."

Der Wald in der Radrennbahn

Letzten Sommer zum Großen Rundgang der UdK zeigte Julian seine "Waldprojektion": Er projizierte Bilder von einer Autofahrt durch den Wald auf das nächtliche Velodrom, eine riesige Radrennbahn im Prenzlauer Berg in Berlin. Immer wieder veränderte er die Perspektiven, streifte Ausschnitte urbaner Landschaft, auf denen die Projektion der Waldfahrt stattfand, stark beeinflusst von Heinz Emigholz, dessen Arbeiten er sehr bewundert. Im Sommer will Julian seinen ersten narrativen Kurzfilm drehen: einen halbstündigen Film über einen Jungen, der Flugbegleiter wird. Eine Freundin arbeitet als Stewardess und erzählte ihm von der Gleichförmigkeit der immergleichen Hotels und Flughäfen. Das internationale, ähnlich aussehende Design der Flughäfen hat es Julian angetan und die Anonymität, die dieser Beruf mit sich bringt. Drehen will er in Marokko mit richtigen Schauspielern.

Pragmatiker oder Lebenskünstler?

Wovon er später mal leben will, weiß er noch nicht so genau. Aber Julian ruht so in sich, ganz das Gegenteil des frickelnden Filmbastlers, dass er die Zukunftsängste, die einem kreativen, selbstbestimmten Künstlerleben durchaus innewohnen könnten, von sich weist. Mit seinen Eltern – die beide Berufsschullehrer sind – hat er über seinen eher ungesicherten Lebensweg gesprochen. Diese sind froh, dass ihre beiden Söhne "etwas Kreatives für sich gefunden haben". Sein Vater sagte mal: "Macht, was ihr wollt, aber werdet auf keinen Fall Lehrer." Daran haben sich die Brüder gehalten. Wenn man Julian so sieht, in seiner Ernsthaftigkeit und der gleichzeitigen Leichtigkeit seines Experimentierens, da muss man sich keine Sorgen um ihn machen – er wird seinen Weg gehen.

Nana A.T. Rebhan will diesen Sommer ihren nächsten Film drehen.

Fotos: © Nana A.T. Rebhan / Julian Schmitt



www.udk-berlin.de

Die Hochschule ist mit über 4.600 Studierenden die größte Kunsthochschule Europas

www.pym.de

Informationen zu den Arbeiten von Heinz Emigholz

www.filmgalerie451.de/dvd/regisseure/emigholz

Filme von Heinz Emigholz können in der Filmgalerie 451 bestellt werden.





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