Das Leben gehört uns

Die Kampfansage

Kinostart: 26.4.2012 | Marguerite Seidel | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Sie heißt Juliette, er heißt Roméo – das ist kein Witz, das ist Schicksal. Bei ihrer ersten Begegnung in einem schwitzigen Pariser Punkrock-Schuppen funkt es sofort. Ungestüm werfen sich die beiden in die große Liebe, tollen durch die Stadt, kaufen eine alte Wohnung mit Blümchentapete und bekommen ein Baby namens Adam. Anders als bei ihren berühmten shakespeareschen Namensvettern scheint Roméos und Juliettes Glück nichts im Wege zu stehen.

Es ist die Summe mehrerer Probleme, die ihnen eines Tages urplötzlich den Boden unter den Füßen wegzieht. Adam läuft nicht, als es an der Zeit ist, er übergibt sich häufig und sein Kopf ist immer zur selben Seite geneigt. Aus einem Besuch beim Kinderarzt wird ein mehrjähriger Krankenhausaufenthalt: Adam hat einen Hirntumor, der sich als besonders aggressive Form von Krebs entpuppt.

Nicht stehen bleiben, leben! 

Wie hält man das als Eltern, als Liebespaar aus? Valérie Donzelli, ausgebildete Schauspielerin und Selfmade-Regisseurin, weiß das aus eigener Erfahrung, ebenso ihr einstiger Lebensgefährte Jérémie Elkaïm, der Vater ihrer Kinder. Mit ihm hat sie den Film entwickelt und gedreht; er spielt den Roméo, sie die Juliette – eine Familienproduktion.

Im Film rennt Juliette nach der erschütternden Diagnose einfach los, rast durch die Krankenhausflure, bis sie erschöpft auf dem Boden liegen bleibt. Roméo schreit sein Innerstes auf offener Straße heraus – "Das Leben gehört uns" ist ein physischer Film, der die Wucht der Verzweiflung und das Festklammern an der Hoffnung buchstäblich durch Bewegungsbilder auf die Leinwand wirft. An den Strand ausreißen, statt im Krankenhaus herumzusitzen, tanzen, joggen, Achterbahn fahren und immer wieder joggen. Als der erste Schock verwunden ist, fassen Roméo und Juliette einen Entschluss: Sie werden für das Leben in den Krieg ziehen und sich fortan an den guten Nachrichten orientieren, nicht an den schlechten.

Nach diesem Prinzip sind Donzelli und Elkaïm auch beim Schreiben dieses "Actionfilms" verfahren. Das Leid des Babys wird lediglich gestreift. Genau unter die Lupe genommen werden hingegen die Eltern, ihr Verhalten, ihre Gefühle, ihre Beziehung. Und da gibt es neben den schlechten viele gute, verliebte und komische Momente. Juliette und Roméo halten sich gegenseitig fest, gehen auf Partys und schaffen es zu lachen – etwa über den Aufmarsch einer schwergewichtigen Familie im Krankenhaus oder über ihre schlimmsten Ängste, indem sie sie ins Absurde verkehren. In Interviews betont die Regisseurin gerne: "Wir haben das Thema misshandelt." Das Selbst-Durchlebte hat sie vor übermäßigem Respekt befreit.

Im Rhythmus des Lebens

So sehr der Film von Lebenswut durchdrungen ist, die Furcht vor dem Tod sickert ständig in die Geschichte hinein. Für dieses Gefühl findet Donzelli ganz eigene Bilder, Klänge und Handlungen und nimmt Abstand von Betroffenheitsszenen, die vielleicht auf die Tränendrüse drücken, aber als filmische Konvention am Kinozuschauer abperlen. Die Musik zum Beispiel ist immer anders. Es gibt keinen logischen Bogen zwischen wummernden Beats, einem aufwühlenden Vivaldi-Stück oder dem zarten Liebeschanson, das Juliette und Roméo in einer Szene unvermittelt anstimmen. Der Film pulsiert im Rhythmus des Gefühlschaos der Protagonisten.

Wie zermürbend deren Situation ist, zeigt dagegen das Gleichförmige, Nebensächliche. Unzählige Mal gehen Roméo und Juliette ins Krankenhaus, Mundschutz an, Kittel an, Mundschutz ab, Kittel aus. Unzählige Male gehen sie joggen. Obwohl diese Wiederholungen zusammengeballt in wenigen Filmsekunden grotesk wirken – und ein weiteres Beispiel für den humorigen Blick der Regisseurin darstellen –, sie sind dem Realismus gezollt. Die Last des Marathons, in den Juliette und Roméo gestartet sind, ohne zu wissen, ob sie die Ausdauer dafür haben, wiegt mit jeder Wiederholung schwerer. Die Puste wird ihnen langsam ausgehen.

Überhaupt ist "Das Leben gehört uns" durchdrungen vom Hauch der Authentizität, was nicht nur am autobiografischen Hintergrund liegt, sondern an der "Echtheit" einer Reihe von anderen Dingen. Roméo und Juliette kämpfen zusätzlich mit ganz praktischen Problemen wie Geld, das sie wegen der Betreuung Adams nicht verdienen können – die Außenwelt und ihre Zwänge existieren noch. Weiterhin ist das im Film verwendete Licht natürlich, die Schauplätze sind reale Wohnungen, Krankenhäuser oder Arztpraxen. Gedreht wurde mit einer kleinen Fotokamera, die auch filmen kann, das Team umfasste lediglich acht Personen. "Ultradiskret" wollte Valérie Donzelli vorgehen und hat auf diese Weise eine quasi-dokumentarische Atmosphäre geschaffen. Kein Setdesigner hätte etwa die im Neonlicht der Kinderstation bedrückend wirkende bunte Spielecke wirklichkeitsnäher gestalten können.

Im Geist der Nouvelle Vague

Vor allem aber beweist diese Art Filme zu machen, dass Kreativität keine Frage der Mittel ist. Die Ablehnung der konventionalisierten Kinoindustrie beziehungsweise die Hinwendung zum Handwerklichen und zur eigenen filmischen Handschrift hat in Frankreich ihren Ursprung in der Nouvelle-Vague-Bewegung der 1950er-Jahre, berühmt geworden durch die radikal nach persönlichen Maximen gestalteten Werke von Regisseuren wie François Truffaut, Jean-Luc Godard oder Claude Chabrol. "Das Leben gehört uns" atmet diesen Esprit und Valérie Donzelli wird nicht müde, sich als Anhängerin dieser historisch gewordenen Strömung zu outen. Sie führt deren Autorengedanken im Hier und Jetzt fort, indem sie sich auf ihre Eingebungen verlässt und keinen Stilbruch fürchtet. Damit stemmt sie eine eigenwillige Liebesgeschichte und zeigt, dass sich nach den Grundideen der Nouvelle Vague durchaus zeitgenössische Filme machen lassen. Sie holt das Beste heraus aus dem, was sie hat. Juliette und Roméo tun dies ebenfalls, selbst wenn sie nicht alle Kämpfe gewinnen können.

(La guerre est déclarée) Frankreich 2011, Regie: Valérie Donzelli, Buch: Jérémie Elkaïm, Valérie Donzelli, mit Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm, César Desseix, Gabriel Elkaïm, Brigitte Sy, Elina Löwensohn u.a., ab 6, 100 min, Kinostart: 26. April 2012 bei Prokino

Fotos: © 2011 PROKINO Filmverleih GmbH

Marguerite Seidel ist freie Journalistin und lebt zurzeit in Brüssel.



Mehr Infos zu "Das Leben gehört uns"

"La guerre est déclarée" - die offizielle Filmwebseite (französisch)
Die deutsche Webseite zu "Das Leben gehört uns"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Das Leben gehört uns" auf filmz.de





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