Totem

Leere Augen

Kinostart: 26.4.2012 | Christian Horn | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Im Bochumer Reihenhaus der Familie Bauer liegt einiges im Argen: Der Vater säuft, die Mutter ist depressiv und gestresst, die jugendliche Tochter kapselt sich mit ihrem deutlich älteren Freund ab und der kleine Sohn geht in der allgemeinen Misere unter. Die Familienmitglieder leben nicht nur aneinander vorbei, sondern ohne jeglichen Antrieb vor sich hin. Es ist der Gipfel der Sinn- und Trostlosigkeit, den "Totem" von Anfang an zeichnet. Dass die Bauers mit Fiona (Marina Frenk) eine Haushaltshilfe einstellen, bringt zwar etwas Bewegung in den monotonen Familienalltag, doch ändert sich die Situation damit keineswegs zum Besseren. Im Gegenteil lädt sich die Atmosphäre im Haus zunehmend mit latenten Aggressionen auf, wobei vor allem Fiona einiges abbekommt – die Wutattacken der Mutter auf der einen, die sexuellen Avancen des Vaters auf der anderen Seite. Doch Fiona erträgt alle Widrigkeiten und Demütigungen, die ihr Status als eine Mischung aus Haussklavin, Ersatztochter und Fremdkörper mit sich bringt, wortlos und ohne Gegenwehr.

Wie so vieles an "Totem", der 2011 als einziger deutscher Beitrag im offiziellen Programm des Filmfestivals von Venedig lief, bleiben auch Fionas Beweggründe im Unklaren – und genau dieser Umstand ist es, der das Regiedebüt von Jessica Krummacher zum wahrhaft unbehaglichen und beunruhigenden Filmerlebnis macht, das dem brutalen Sozialrealismus eines Ulrich Seidl ("Import/Export") nahe steht. Als Zuschauer muss man die Handlungsweisen der Figuren immer wieder neu hinterfragen, kann aber letztlich nur ohnmächtig zusehen, wie die Bauers und ihre mysteriöse Angestellte um sich selbst kreisen und am eigenen Dunst ersticken. Wie die irritierenden Plastik-Babypuppen, die die Mutter wie ihren eigenen Nachwuchs behandelt, scheint das Leben aus dem Reihenhaus gewichen – die leeren Augen der Figuren sprechen Bände.

Dass Jessica Krummacher an der HFF München ein Dokumentarfilm-Studium absolviert hat, wirkt sich merklich auf die Inszenierung ihres eigensinnigen Kammerspiels aus: Beim Drehen improvisierte das Team viel und die meisten Rollen sind zudem mit Laien besetzt. Zusammen mit dem tristen Ambiente, dem zurückhaltenden Einsatz von Lichtquellen und den beengenden, schnörkellosen Handkamera-Bildern ergibt sich ein Realitätseffekt, der durch harte Schnitte und die strenge Inszenierung Krummachers jedoch fortwährend aus den Angeln gehoben wird. Wenngleich vieles an "Totem" ein Rätsel bleibt, so hinterlässt der ambitionierte und ohne Fördergelder entstandene Low-Budget-Film mit all seinen Widersprüchlichkeiten doch einen bleibenden Eindruck.
Christian Horn

Totem, Deutschland 2011, Buch & Regie: Jessica Krummacher, mit Marina Frenk, Natja Brunckhorst, Benno Ifland, Alissa Wilms, Cedric Koch, Fritz Fenne u.a., ab 12, 86 min, Kinostart: 26. April 2012 bei Filmgalerie 451

Foto: © Filmgalerie 451



Mehr Infos zu "Totem"

Filminfos vom deutschen Verleih
"Totem" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Totem" auf filmz.de





Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)