Unter Männern - Schwul in der DDR

Das Schweigen der alten Herren

Kinostart: 26.4.2012 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mehr als zwanzig Jahre nach Ende der DDR scheint jeder Aspekt beleuchtet, jedes noch so kleine Detail konserviert und archiviert. Das normale Alltagsleben bildet das natürlich nicht ab, vor allem nicht das von vermeintlichen Minderheiten. Das war auch der Antrieb von Regisseur Ringo Rösener, Jahrgang 1983 und aufgewachsen in der ostdeutschen Provinz. Als schwuler junger Mann versucht er gemeinsam mit Markus Stein in seinem Debütfilm "Unter Männern - Schwul in der DDR" herauszufinden, ob er im untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat auch so offen wie jetzt seine Homosexualität hätte ausleben können.

Antworten geben den beiden Filmemachern sechs Männer unterschiedlichen Alters. Zwar war Homosexualität in der DDR nicht strafbar, aber offiziell darüber geredet wurde bis in die 1980er-Jahre kaum. Schließlich war das wie auch immer geartete Abweichen von der realsozialistischen Norm in diesem totalitären System nicht erwünscht. So sind viele Geschichten der älteren Herren geprägt von Schweigen, Verdrängung, Angst vor sozialer Ächtung bis hin zu Erpressungsversuchen seitens mancher Kurzbekanntschaften. Die jüngeren Protagonisten, darunter Szene-Friseur Frank Schäfer oder Eddy Stapels, in den 1980ern Schwulenbeauftragter der Evangelischen Kirche, gingen von Anfang an wesentlich selbstbewusster mit ihrer Homosexualität um, was nicht ohne Folgen blieb. Schäfer hatte als Paradiesvogel mit bunten Klamotten und Punkfrisur häufig Konflikte mit der Staatsmacht und wurde auch festgenommen, aber "viel verhaftet war auch viel cool". Trotzdem setzte er sich später in den Westen ab, der Liebe wegen. Stapels gilt heute als Gründer der DDR-Schwulenbewegung und stand natürlich unter besonderer Beobachtung der Staatssicherheit, die versuchte ihn einzuschüchtern und die Beziehung zu seinem Lebensgefährten zu zerstören.

Da die beiden besonders offen sind, bekommen sie auch den meisten Raum im Film. Das ist schade, denn eigentlich möchte man von den älteren Herren mehr wissen, die sich hier mitunter zum ersten Mal wirklich zu ihrer Liebe zu Männern bekennen. Anstatt genauer nachzufragen, begnügen sich Rösener und Stein mit der Oberfläche wie dem Abfilmen von Privatfotos und versuchen erst gar nicht, das so lange eingeübte Schweigen zu brechen. Sie verschenken damit ein einmaliges Potenzial spannender Biografien. Das vollmundige Versprechen, ein Bild des schwulen Lebens in der DDR zu zeigen, löst der Film somit nicht ein. Dafür bleibt doch zu viel ungesagt.
Ingrid Beerbaum

Unter Männern - Schwul in der DDR, Dokumentarfilm, Deutschland 2011, Regie: Ringo Rösener, Markus Stein, Buch: Ringo Rösener, mit Jürgen Wittdorf, Eduard Stapels, John Zinner, Christian Schulz, Ringo Rösener u.a., ab 12, 93 min, Kinostart: 26. April 2012 bei Salzgeber

Foto: © Salzgeber & Co. Medien



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