Anton Corbijn - Inside Out

Der Unnahbare

Kinostart: 19.4.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das Dilemma des Fotografen: Die Bilder, die er herstellt, vermitteln Nähe zum Abgebildeten, während die Weise ihrer Herstellung, der Blick durch den Apparat, Distanz schafft. Das Foto: Zeugnis des Anwesenden wie des Abwesenden, Dokument der Dauer wie des Vergänglichen. Das Paradox der Fotografie: die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, des wesentlich einander Ausschließenden.

Wem das zu abstrakt erscheint, der sehe sich Klaartje Quirijns' einfühlsamen Dokumentarfilm "Anton Corbijn Inside Out" an, in dem diese graue Theorie – vermittelt über die Praxis eines Fotografen-Lebens – erfahrbar wird. Anton Johannes Gerrit Corbijn van Willenswaard, 1955 als Sohn eines Pfarrers in einen streng protestantischen Haushalt im niederländischen Strijen hineingeboren, ist einer der großen visuellen Künstler der Gegenwart. Ein Chronist der Popkultur, vor dessen Kamera unzählige Musiker und Musikerinnen von Rang und Namen standen und sich ins Gesicht schauen ließen und dabei oft genug ihre Seele preisgaben. Mit seinen Porträts, Musikvideos und Covern prägte Corbijn die Bildwelt, die wir, unter anderem, von Depeche Mode, U2 und Joy Division haben. Zudem bewies er mit den beiden Spielfilmen "Control" und "The American" ein gutes Gespür auch für längere und konventionellere bildliche Erzählformen. Dabei wird es kein Zufall sein, dass die Protagonisten dieser Filme – Ian Curtis, suizidaler Sänger von Joy Division, und Jack (respektive Edward), in die Enge getriebener, amerikanischer Auftragskiller – einsame und isolierte Einzelgänger sind. Denn Corbijn selbst ist ein verschlossener und privater Mensch, der Kontakt zu anderen, so zumindest legt es Klaartje Quirijns in ihrem Film nahe, überhaupt nur vermittelt über fotografische Aufnahmeapparate herzustellen vermag. Dass Quirijns Corbijn dabei immer nur genau so nahe kommt, wie dieser sie lässt, führt zu einer faszinierenden, wechselseitigen Annährungs- und Entfernungsbewegung, im Zuge derer unvermutet intime Momente entstehen und unverhofft tiefe Einblicke gegeben werden. Wenn zum Beispiel Corbijn mit bemerkenswerter Offenheit davon spricht, er habe das Gefühl, als Mensch nicht gut genug zu sein und seinem Künstler-Ich hinterherzuhinken. Wenn Quirijns dann fragt, ob und was er daran möglicherweise ändern könnte – und Corbijn sich abrupt umdreht und weggeht.

Dass "Anton Corbijn Inside Out" die Erwartungen an die visuelle Gestaltung eines Films über einen Künstler diesen Kalibers nicht enttäuscht, ist wohl Corbijn selbst zu verdanken. Quirijns erzählt über die immerhin fast vier Jahre währende Zusammenarbeit: "Ich habe von ihm viel über Bildgestaltung gelernt. Wenn man mit ihm zusammen Dinge betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass es noch so viel anderes in dieser Welt zu sehen gibt. Das ist es, was ich mit dem Film erreichen wollte: Ich wollte dazu beitragen, dass man ein Verständnis für Antons Sicht auf die Dinge bekommt." Und Antons Sicht auf die Dinge, daran besteht kein Zweifel, ist bereichernd.
Alexandra Seitz

Anton Corbijn Inside Out, Dokumentarfilm, Niederlande, Belgien, Irland 2012, Regie: Klaartje Quirijns, Buch: Klaartje Quirijns, Thomas den Drijver, mit Anton Corbijn, Herbert Grönemeyer, Arcade Fire, George Clooney u.a., OmU, 82 min, Kinostart: 19. April 2012 bei mindjazz pictures

Foto: © mindjazz pictures



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