Die Königin und der Leibarzt

Leibeigene des Staates

Kinostart: 19.4.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Hin und wieder zeigen uns historische Königsdramen, dass das dynastische Erbfolgeprinzip nicht nur kluge Staatsmänner und grausame Tyrannen, sondern auch einige unbedarfte Kindsköpfe auf den Thron gesetzt hat. Im Falle des dänischen Monarchen Christian VII. (1749-1808) war das ein großes Glück: An Regierungsdingen völlig uninteressiert, bestellte der angeblich geistesgestörte Sonderling den deutschen Arzt und Aufklärer Johann F. Struensee an seine Seite. Für kurze Zeit schnupperte das absolutistische Dänemark an der Blume des Fortschritts, dann schlug die Reaktion zurück. Wie die Geschichte ausging, lässt sich überall nachlesen. Nur so viel: Dänemark ist noch immer eine Monarchie, wegen demokratischer Umtriebe wird aber auch niemand mehr geköpft.

"Die Königin und der Leibarzt" zeigt Christian (Mikkel Boe Følsgaard) als gequälte Seele mit enormem Unterhaltungspotenzial. Seine peinlichen Auftritte – albernes Kichern und beleidigtes Schmollen in rasendem Wechsel – sind jedenfalls interessanter als die skandalöse Affäre der Titelfiguren: Von ihrem angeheirateten Gemahl links liegen gelassen, sucht Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) Trost beim galanten Bürgersmann Struensee (Mads Mikkelsen). Bemerkenswert ist, wie sich hier die geteilten Ideale von Aufklärung und romantischer Liebe zu einer Ménage-à-trois fügen, die alles in allem gut funktioniert: Der mit königlicher Vollmacht ausgestattete Struensee schafft nicht nur die Zensur ab, reformiert Müllabfuhr und Staatsfinanzen und kämpft nebenbei noch gegen die Cholera; er erkennt das Leiden des Königspaars als Leiden an der erzwungenen Rolle und heilt beide auf seine Weise. Mit der Staatsräson allerdings ist diese pikante Form der Loyalität nicht vereinbar. Die Machtinteressen der düpierten Minister und antideutsche Ressentiments im Volk tun ihr Übriges.

Der Regisseur Nikolaj Arcel mag ein konventioneller Erzähler sein, aber seine Geschichtsstunde in Sachen Aufklärung wirkt anregend und jederzeit modern. Man bekommt ein Gespür für die Funktionsweise des Absolutismus, seine Vereinnahmung des Individuums und die erstaunlich dezentrale Organisation von Macht. Auch in Dänemark, seinerzeit das autoritärste Regime Europas, ist der König selbst bloßer Repräsentant, der erste Leibeigene seines Staates. Die wirkliche Macht liegt bei Adel und Klerus. Sie fühlen sich von der Aufklärung zu Recht als Erste bedroht. Auf der anderen Seite steht das unterdrückte, aber auch leicht manipulierbare Volk, das der Aufklärung dringend bedarf. Gute Königsdramen, man ahnt es, sind auch immer recht aktuell.
Philipp Bühler

(En Kongelig Affære) Dänemark, Deutschland 2012, Regie: Nikolaj Arcel, Buch: Rasmus Heisterberg, Nikolaj Arcel nach dem Roman "Der Besuch des Leibarztes" von Per Olov Enqvist, mit Mads Mikkelsen, Alicia Vikander, Mikkel Følsgaard, David Dencik, Trine Dyrholm u.a., ab 12, 137 min, Kinostart: 19. April 2012 bei MFA+

Foto: © Jiri Hanzl/MFA+ FilmDistribution e.K.



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