Haus der Sünde

Aus Sicht der Frauen

Kinostart: 19.4.2012 | Marguerite Seidel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Hübsche halbnackte Frauen im Kino sind immer fragwürdig, egal wie angenehm ihr Anblick auch sein mag. Ist ihre Nacktheit anzüglich, erregend, frauenfeindlich, dem Realismus geschuldet oder einfach nur ästhetisch? Bevor man entweder gern oder ungern hin- oder wegguckt, sollte man folgende Fragen stellen: Wie werden diese Frauen genau dargestellt? Und welchem Zweck dient das? Dafür eignet sich der neue Film des Franzosen Bertrand Bonello bestens als Studienobjekt, denn die Antwort ist nicht ganz einfach.

Am Vorabend des 20. Jahrhunderts herrscht in Paris Endzeitstimmung und die Prostituierten im Edelbordell Apollonide – dem Schauplatz des Films – verkörpern den Ausklang einer Epoche, in der das Portemonnaie noch locker saß und ausschweifend gefeiert wurde. Schon bald wird das Freudenhaus schließen müssen, denn die Miete ist unbezahlbar geworden. Bis dahin wird bei reichlich Champagner weiter mit den leicht bekleideten Damen geschäkert und manchmal mit ihnen das Bett geteilt. Die fantasievollen Kostüme, nackten Brüste und das verschwenderisch dekorierte plüschige Interieur wirken wie ein luxuriöser feuchter Männertraum. Aber das ist nur vordergründiges Theater – "Haus der Sünde" ist ein aus Frauenperspektive erzählter Film.

Hinter den Kulissen, im ärmlichen Wohnbereich, herrscht ein völlig anderes Klima. Die Mädchen unterliegen strikten Verhaltensregeln, haben Ausgehverbot und verfangen sich – je länger sie bleiben – in einem Schuldenberg, der ein Fortgehen unmöglich macht. Mehr noch leiden sie unter der Ausbeutung ihrer Körper, den sexuellen Fantasien der Freier und der Gewalt ihres Gewerbes überhaupt. Sinnbildlich für diesen Teufelskreis aus Sex, Geld und Abhängigkeit steht die sich quer durch den Film zusammenpuzzelnde Geschichte der "lachenden Frau", deren Gesicht von einem Freier grausam entstellt wurde und nun bis auf ewig dazu verdammt ist, gute Miene zu machen, egal wie böse das Spiel.

Um dieses brutale Milieu offen zu legen, wählt Bonello keine harten, expliziten Darstellungen. Seine Bilder sind poetisch, die Gesten oft klein, die Figuren stets graziös und die Gespräche, in denen die Frauen ihre Pein reflektieren, wie nebenbei eingestreut. Es genügt eine sich am Bettpfosten festklammernde Hand oder ein bildfüllender leerer Gesichtsausdruck beim Liebesakt und ihr ganzer Schmerz wird deutlich.

Das und ein einziger Ausflug aus dem klaustrophobischen Bordell raus ins Grüne machen aus Prostituierten Persönlichkeiten. Man begreift: Auf der Suche nach Freiheit, Selbstbestimmung und einem Weg aus der Armut sind sie gestürzt – ein emanzipiertes Leben war für sie nicht vorgesehen. Bonello zeigt diese hübschen, halbnackten Frauen in Würde – und als hocherotische Wesen. Will er Prostitution anklagen? Vielleicht. Geradeheraus prangert er den Verfall der Sitten an, der aus den behüteten Freudenmädchen von gestern die bedauernswerten Bordsteinnutten von heute gemacht hat. Das ist die streitbare Botschaft dieses sonst wunderschön subtilen Films.
Marguerite Seidel

(L'Apollonide (Souvenirs de la maison close)) Frankreich 2011, Buch & Regie: Bertrand Bonello, mit Hafsia Herzi, Céline Sallette, Jasmine Trinca, Adèle Haenel, Alice Barnole u.a., ab 6, 125 min, Kinostart: 19. April 2012 bei NFP

Foto: © 2011 - LES FILMS DU LENDEMAIN/MY NEW PICTURE/ARTE FRANCE CINEMA



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