My Week with Marilyn

Die schönste Frau der Welt

Kinostart: 19.4.2012 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Im Jahre 1956 schien die Welt recht übersichtlich organisiert zu sein. Links auf der Weltkarte wohnten die Kapitalisten, rechts wohnten die Kommunisten, und Marilyn Monroe war die schönste Frau der Welt. Zumindest die letzte dieser drei damals unverzichtbaren Informationen entpuppte sich für den, der Gelegenheit hatte, genauer hinzublicken, als sehr viel komplizierter. Colin Clark hatte eine Woche lang diese Gelegenheit. Von dieser Woche handelt "My Week With Marilyn". Und davon, dass die schönste Frau der Welt ganz und gar nicht damit zurecht kam, die schönste Frau der Welt zu sein.

Marilyn Monroe und Laurence Olivier

1956 reiste die Monroe, damals der unbestritten größte Star der Traumfabrik Hollywood, nach England, um dort den Film "Der Prinz und die Tänzerin" zu drehen. Die männliche Hauptrolle hatte ebenso wie auch die Regie der legendäre Laurence Olivier übernommen. Der alternde, vor allem mit Theaterrollen berühmt gewordene Charakterdarsteller versprach sich von einer Zusammenarbeit mit Monroe einen Schub für seine Kinokarriere. Die bis dahin ausschließlich als blondes Dummchen besetzte Monroe dachte, ein Film an der Seite von Olivier würde ihr helfen, endlich als Aktrice ernst genommen zu werden.

Doch die vermeintliche Win-Win-Situation wurde zum Alptraum. Die verunsicherte und kapriziöse Monroe schluckte Pillen, schien ständig am Rande des Selbstmordes entlangzuschlittern und drohte mit ihren Eskapaden die Dreharbeiten zum Scheitern zu bringen. Allein Colin Clark, als Assistent von Regisseur Olivier engagiert, fand Zugang zu der damals 30-jährigen Diva, wurde ihr Vertrauter und rettete schlussendlich den Film. Doch natürlich verliebte sich der damals gerade mal 23-Jährige in die fleischgewordene Männerfantasie.

Romanze in Moll

Doch was damals tatsächlich zwischen den beiden geschah, blieb lange ein Geheimnis. Erst 1995 veröffentlichte der zu diesem Zeitpunkt längst als Dokumentarfilmer und Autor erfolgreiche Clark unter dem Titel "The Prince, the Showgirl and me" seine Erinnerungen. Die alles entscheidende Woche allerdings sparte er aus. Darüber schrieb er wiederum fünf Jahre später ein zweites Buch: "My Week with Marilyn".

Darin erzählt Clark, er hätte ein Verhältnis mit Monroe gehabt. Eine Behauptung, die mancher Filmhistoriker anzweifelt, aber der Film nimmt sie als bare Münze. Regisseur Simon Curtis, der bislang vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat, inszeniert die kurze Affäre als romantische Liebesgeschichte ohne Zukunft. Clark (Eddie Redmayne) wird einerseits zwar zum Spielball einer von Michelle Williams gespielten Monroe, die ohne jede Vorwarnung zwischen naivem Mädchen und kontrolliert verführerischem Vamp hin und her schaltet. Andererseits aber wächst der Junge mit den Erfahrungen zum Mann, insofern ist "My Week With Marilyn" auch eine klassische Coming-of-Age-Erzählung.

Begegnung mit einem Traum

Doch hinter dieser adrett und überaus unterhaltsam ins Szene gesetzten Oberfläche erzählt der Film viel mehr. Die Begegnung des jungen Mannes mit dem Filmstar ist fast so etwas wie ein Versuchsanordnung: In dieser wird versucht zu klären, was passiert, wenn der Traum, den Millionen Männer damals träumten, wirklich wahr wird.

Dieser Traum unterscheidet sich nicht in wesentlichen Punkten von dem Traum, den auch heutzutage Millionen von Männern träumen, nur dass die Hauptrolle in der Nachtmar zum Beispiel mit Megan Fox besetzt ist. Aber nicht nur weil Fox dunkelhaarig ist und Monroe wasserstoffblond war, ist die Situation kaum vergleichbar. Denn heute ist es kaum mehr zu verstehen, welche Faszination einst von Marilyn Monroe ausging. Damals war die Welt noch nicht zum globalen Dorf zusammengewachsen und auch dem Fernsehen stand sein Aufstieg zum beherrschenden Massenmedium noch bevor. Hollywood war damals tatsächlich der einzige Produzent von Bildern, die weltweit wirkmächtig werden konnten, weil es fast überall Kinos gab.

Die Bildmaschine Hollywood

Die Bilder, die aus den Filmstudios in Kalifornien hinaus in die Kinos in der Welt geschickt wurden, bestimmten das Bild, das sich der Mensch vom Menschen machte. Und in diesen Bildern war Marilyn Monroe die schönste aller Frauen. Wahrscheinlich war die ganze Welt 1957 – nach "Blondinen bevorzugt" (1953), "Wie angelt man sich einen Millionär" (1953) und "Das verflixte 7. Jahr" (1955) – unsterblich in dieses Traumbild einer Frau verliebt.

Diese Obsession darf Colin in "My Week With Marilyn" nun stellvertretend ausleben. Der Star steigt herab von der Leinwand und wird zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Doch der Mythos bleibt intakt, die Liebe muss scheitern, der junge Mann ist am Ende nur ein Spielball in ihren Händen, die Überirdische bleibt eben doch unerreichbar. Davon erzählt der Film. Und damit auch von einer untergegangenen Ära, als Schauspieler und Schauspielerinnen tatsächlich noch mehr waren als bloß Bilder, mehr als Content, verwaltet von einer durchdigitalisierten Unterhaltungsindustrie. "My Week With Marilyn" führt uns zurück in ein Zeitalter, in dem die Welt noch säuberlich eingeteilt war: Unten, in den Kinosesseln, saßen die Sterblichen. Demütig blickten die in die Höhe, auf die Leinwand, dorthin, wo die anderen wohnten, die Götter und Göttinnen.

My Week with Marylin, Großbritannien, USA 2011, Regie: Simon Curtis, Buch: Adrian Hodges, mit Michelle Williams, Eddie Redmayne, Julia Ormond, Kenneth Branagh, Pip Torrens, Emma Watson u.a., ab 6, 99 min, Kinostart: 19. April 2012 bei Ascot Elite

Fotos: © 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH

Thomas Winkler schreibt über Filme, Musik und Sport.



Mehr Infos zu "My Week with Marilyn"

"My Week with Marilyn" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "My Week with Marilyn"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "My Week with Marilyn" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de





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